Obdachlos: Unsichtbar und vergessen - auch im Hitzesommer
Heute ist der bundesweite Tag für wohnungslose Menschen. Der Verein „Zwischenstopp Straße“ in Hamburg setzt sich für die Belange von Obdachlosen ein.
11.09.2026 | 1:43 minDer Duschbus kommt. Freitags und samstags steht der umgebaute Linienbus mitten in Hamburg neben dem Hauptbahnhof. Drei Duschkabinen mit warmem Wasser, saubere Handtücher, Pflegeprodukte. Alles durch Spenden finanziert. "Zu uns kommen auch die Hilfsbedürftigen, die in städtischen Unterkünften schlafen", erzählt Sebastian Krüger von der gemeinnützigen Gesellschaft "GoBanyo".
Er und die ehrenamtlichen Helfer reinigen und desinfizieren die Duschkabinen nach jeder Benutzung. Das sei bei städtischen Angeboten nach seiner Erfahrung nicht der Fall, sagt Sebastian, den alle hier Sebbo nennen.
Die Stadt stellt Flächen für den Duschbus zur Verfügung, städtische Betriebe spenden Wasser und einen zweiten Bus. Laufende Mittel gibt es keine. Auch Sylvia Senger bekommt keine, obwohl sie mit dem Verein "Zwischenstopp Straße Obdachlosenhilfe" die größte Verteilaktion von Essen, Trinken, Kleidung und Hygieneprodukten in Hamburg organisiert. Sie merkt, wie stark der Bedarf für diese Hilfe wächst: "Im Sommer werden die Obdachlosen unsichtbar, weil sie nicht frieren müssen", sagt sie.
Aber die haben nichts zu trinken, keinen Hitzeschutz, die dehydrieren. Der Sommer ist für Obdachlose tatsächlich schlimmer als der Winter.
Sylvia Senger vom "Verein Zwischenstopp Straße Obdachlosenhilfe"
Bei Temperaturen über 30 Grad versorgt das Deutsche Rote Kreuz obdachlose Menschen in Mainz. Ehrenamtliche verteilen Trinkwasser, Lebensmittel, Sonnenschutz und Hygieneartikel.
11.08.2026 | 2:29 minObdachlosigkeit: Warum die Hitze eine besondere Herausforderung ist
Laut dem aktuellsten Wohnungslosenbericht des Bundes von 2024 leben in Hamburg 3.787 Menschen auf der Straße, in Zelten, Autos oder Abbruchhäusern. 2018 waren es noch 1.910. Heute, am Tag der Wohnungslosen, treffen die ehrenamtlichen Vereine deshalb die sozialpolitischen Sprecher der Bürgerschaft. Ihre zentrale Botschaft: Hilfe bei Hitze ist Aufgabe der Stadt, getragen wird sie fast nur von Freiwilligen, selbst das Wasser kommt aus Spenden.
Wie das aussieht, zeigt sich unter den Brücken der Speicherstadt. Thomas und Thomas vom "Cafée mit Herz" sind jeden Tag unterwegs, sie kennen nahezu jeden Schlafplatz in der City, "Platte" sagen die Obdachlosen. Es sind 30 Grad, auf dem Asphalt deutlich mehr. Heute verteilen sie neben Wasser auch Melone und Wassereis. "Weil sie so wenig mobil sind, können sie sich nicht in den Schatten legen oder ein Bad nehmen wie wir", sagt Thomas.
Bevor sie überhaupt etwas sagen können, dehydrieren sie schon.
Thomas vom "Cafée mit Herz"
Mittwochs zieht Mark mit dem Bollerwagen durch St. Georg, mit Brötchen, Kaffee und Kuchen, den Rentnerinnen für ihn backen. Er zeigt, warum das nötig ist: Der öffentliche Wasserspender am Hansaplatz liegt direkt hinter der öffentlichen Toilette. "Du riechst das schon", sagt er. Und er fragt jeden, ob er einen Schlafplatz hat. "Schon oft nein, leider."
Über 30 Grad in Köln. Für Obdachlose wird die Hitze schnell zur Gefahr. Ein Verein verteilt Wasser, Essen und achtet auf die Menschen. Diese Hilfe kann Leben schützen.
16.07.2026 | 3:41 minDie Ehrenamtlichen tragen viel
Seit zwei Monaten steht neben Sylvia Sengers Verteilung ein Impfstand. Der Grund: Rund um den Hauptbahnhof breitet sich seit zwei Jahren unter Drogenkonsumenten und Obdachlosen ein Bakterium aus, Haemophilus influenzae Typ b, kurz Hib. Kinder werden in Deutschland dagegen geimpft, viele Erwachsene von der Straße nicht. 37 Fälle zählt das Robert Koch-Institut seit 2024, fünf Menschen starben. Die Stadt gab dieses Jahr bislang 23.750 Euro für Hib-Impfungen aus.
Wo sie wirken, zeigt eine Senatsantwort: Eine einzige Aktion am Steintorplatz erreichte 281 Menschen, mehr als alle Praxen und Mobile zusammen. "Dahin gehen, wo die Leute sich aufhalten, unter Brücken, in Parks, an Bahnhöfen", sagt Krankenpfleger Ronald Kelm. "Das ist für manche Leute ekelhaft." Er tut es ehrenamtlich.
Der Erreger Haemophilus influenzae Typ b gilt in Deutschland als fast ausgerottet. Unter Obdachlosen und Drogenabhängigen in Hamburg grassiert die Infektion. Kostenlose Impfungen sollen helfen.
06.07.2026 | 1:52 minDie Ehrenamtlichen tragen viel, manche zu viel. Viele drohten auszubrennen, weil der Bedarf ständig wachse und sie sich von der Stadt allein gelassen fühlten, heißt es bei den Vereinen. Mark sieht das anders, noch. "Mir geht es extrem gut, das ist eine gute Art, etwas zurückzugeben. Und es macht Spaß, sonst wird es auch schwierig." An diesem Nachmittag versorgt er die kaputten Füße eines Mädchens, 17 Jahre alt. Ins Krankenhaus will sie nicht. Warum, bleibt ihr Geheimnis.
Sven Rieken ist Reporter im ZDF-Studio in Hamburg.
Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, etwa das heute journal update am 11.09.2026 ab 00:45 Uhr und heute in Deutschland am 11.09.2026 ab 14:00 Uhr.
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