Absturz der Merz-CDU – Friedrich Merz, der 1-Prozent-Kanzler und die letzte Chance

Die Frage ging an die Wählerinnen und Wähler der CDU: Ist der Kanzler für das Abschneiden bei Wahlen hilfreich? Ja-Anteil: Gerade mal ein Prozent. Eigentlich kann man da auf der Grafik gar keinen Balken mehr darstellen, zumindest keinen, der auf der 100-Prozent-Skala sichtbar ist.
In Mecklenburg-Vorpommern könnte die CDU aus dem Landtag fliegen - das gabs noch nie. In Berlin stürzt die Kanzler-Partei ebenfalls ab. Der Kanzler verfolgt die schwarzen, blauen, roten, grünen Balken in seinem Büro im sechsten Stock der CDU-Parteizentrale in Berlin und spürt offenbar: Jetzt muss ich um mein Amt kämpfen. Schon kurz nach den ersten Zahlen fährt er mit dem Lift ins Atrium im Parterre und sagt: Die Wahlresultate sind zwar desaströs – aber ich bleibe Kanzler und Parteichef. Ein Machtwort, vielleicht ein letztes.
Die Basis kocht – Merz unter Maximaldruck
Doch da ist diese Zahl: 1 Prozent. An der Basis kocht es, niemand weiss, welche Dynamik das in den nächsten Tagen noch annimmt. Am Montag ist Parteipräsidium, am Dienstag Fraktionssitzung im Bundestag. Harte Diskussionen, Vorwürfe, Ängste. Man kann schon jetzt sagen: Das wird emotional. Abgeordnete fürchten um ihre Mandate – und wissen zu Hause im Wahlkreis kaum mehr, wie sie Merz erklären sollen. Können.
Wenn Merz die nächsten Tage politisch überlebt, hat er noch eine Chance: Die Reformen müssen kommen. Schnell, reibungslos. Und sie müssen den Menschen eine Perspektive geben, eine positive. Im Hintergrund aber werden sich die beiden möglichen Nachfolger, Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen und Markus Söder aus Bayern, schon mal warmlaufen. Vielleicht stehen sie schon bald auf dem Spielfeld.
Die AfD und der Kampf um Machtoptionen
Gleichzeitig können sie in der AfD vor Kraft kaum laufen. Sachsen-Anhalt: gewonnen. Mecklenburg-Vorpommern: gewonnen. Zweimal stärkste Partei. Die AfD wird weiter fordern, eingebunden zu werden – und angesichts der Kräfteverhältnisse wird es für die CDU immer schwieriger, dem Druck standzuhalten.
AfD-Chefin Alice Weidel erneuert ihr Gesprächsangebot an die CDU – von einer Zerstörung der Partei wie früher spricht sie am Wahlabend zumindest nicht mehr. Sie spürt wohl: Die AfD kann nicht Siege in Serie einfahren, aber keine Machtoption haben.
Die Lust nach dem Extremen
Doch nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern gewinnen die Extremen. Auch in Berlin wird die Mitte fast zerquetscht – aber von Links. Elif Eralp könnte die neue Bürgermeisterin Berlins werden, nachdem SPD und CDU die Hauptstadt während einer gefühlten Ewigkeit regiert hatten. Grüne und SPD könnten der Linken ins Rote Rathaus verhelfen, vorausgesetzt, die Partei bekommt ihr Antisemitismus-Problem in den Griff und räumt ein paar Extrempositionen wie die Enteignung von Wohnkonzernen oder Schwächung der Polizei.
Die einzige Frau aus der Mitte, die heute einen grossen Erfolg feiert, ist Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern. Das SPD-Logo versteckte sie im Wahlkampf geschickt – Schwesig ist die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.
Was heisst das alles für die politische Landschaft in Deutschland? Warum gewinnen die Pole mit ihren extremen Positionen? Viele Menschen haben das Vertrauen in CDU, SPD oder in die Grünen verloren. Wirtschaftskrise, Kriege, Benzinpreise, Migration: Überforderung total. Die Sehnsucht nach vermeintlich einfachen Lösungen und eine grosse Portion Frust lassen die Pole gedeihen. Probleme werden als derart gross und fast unlösbar dargestellt, dass nur noch radikale Lösungen helfen.
Stefan Reinhart
Leiter der Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten
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Stefan Reinhart ist Leiter der Auslandkorrespondentinnen und ‑korrespondenten und Chef vom Dienst im Newsroom Zürich. Zuvor war er Deutschlandkorrespondent für SRF.
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