Bund verfehlt Ziel – Warum die Zahl der Verkehrsunfälle in der Schweiz nicht sinkt

Der Bund hat sich vor zehn Jahren zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Anzahl der Verkehrstoten auf 100 und die Anzahl der Schwerverletzten auf 2500 zu reduzieren, wie der «Blick» berichtet. Nun zeichnet sich ab, dass er dieses Ziel verfehlen wird.
«Im Jahr 2025 kamen auf Schweizer Strassen 214 Personen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Das sind 36 weniger als im Vorjahr, aber deutlich mehr als der für 2025 angestrebte Zielwert von 150», räumt das Bundesamt für Strassen (Astra) auf Anfrage ein. 2016 starben 216 Menschen im Strassenverkehr.
Trotzdem will das Astra am definierten Ziel festhalten. Dieses sei anspruchsvoll, aber ein wichtiger Orientierungswert für die Verkehrssicherheitsarbeit des Bundes, heisst es. Ob das Ziel erreicht wird, lässt sich laut Astra Stand heute nicht sagen.
Zahlen stagnieren
Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) unterstützt das Ziel. «Gleichzeitig müssen wir realistisch sein: Mit über 200 Verkehrstoten und fast 4000 Schwerverletzten sind wir noch weit vom Ziel für 2030 entfernt», sagt Christoph Leibundgut von der BFU. «Entscheidend ist, ob wir bereit sind, die wirksamen Massnahmen umzusetzen, die nötig sind, um ihm tatsächlich näherzukommen.» Und da sieht die Beratungsstelle Handlungsbedarf.
Die Beratungsstelle stellt fest, dass die Zahl der schweren Verkehrsunfälle seit einigen Jahren stagniert. Herausforderungen sind laut BFU, dass der Strassenverkehr in der Schweiz insgesamt zunimmt und durch neue Mobilitätsformen komplexer wird.
Laut Verkehrsexperte Thomas Sauter-Servaes hat der Verkehr in der Schweiz stark zugenommen. Einerseits sei die Bevölkerung gewachsen und andererseits habe das Freizeitbudget der Bevölkerung für Verkehr zugenommen, erklärt Sauter-Servaes. Zudem habe der Trend zur aktiven Mobilität das Verkehrsgeschehen heterogener gemacht. «Auf begrenztem Strassenraum teilen sich immer mehr immer schwerere Personenwagen wie SUVs und mehr Dienstleister von Onlinebestellungen die Flächen zunehmend mit Velofahrenden, E-Bikes, E-Trottis und Fussgängern, wodurch mehr und gefährlichere Konflikte entstehen», sagt Sauter-Servaes.
Gleichzeitig trägt menschliches Fehlverhalten wesentlich zum Unfallgeschehen auf der Strasse bei. «Geschwindigkeit, Ablenkung und Unaufmerksamkeit sowie Alkohol gehören weiterhin zu den relevanten Risikofaktoren», sagt Leibundgut.
Autofahren ist sicherer geworden
Laut Verkehrsexperte Thomas Sauter-Servaes dürfen die Opferzahlen im Strassenverkehr aber nicht isoliert betrachtet werden. «Das verdeckt die strukturelle Transformation der letzten zehn Jahre», sagt er. Denn während etwa das Autofahren kontinuierlich sicherer geworden sei, hätten sich die schweren Unfallfolgen massiv zu den einspurigen und ungeschützten Verkehrsteilnehmenden wie Motorräder, E-Bikes und Fussgängerinnen verlagert. Wie die BFU sieht er deshalb Potenzial in der Ausweitung von Tempo 30 innerorts.
Die Beratungsstelle für Unfallverhütung fordert zudem eine Velohelmpflicht für motorisierte Zweiräder wie E-Bikes und E-Trottis sowie für Kinder. Auch wer damit rechne, kontrolliert zu werden, fahre weniger schnell, weniger alkoholisiert und aufmerksamer im Verkehr, so die BFU.
«Ohne entsprechende politische Unterstützung dürfte das Ziel für 2030 aber kaum erreichbar sein», sagt Leibundgut und nennt ein Beispiel: Seit Jugendliche bereits mit 16 Jahren 125ccm-Motorräder fahren dürften, hätte sich die Zahl schwerer Unfälle bei den unter 18-Jährigen mehr als verdoppelt.
Helsinki als Vorbild
Dass mehr Sicherheit im Strassenverkehr durchaus möglich ist, zeigen nordische Länder. «Dank grossflächigem Tempo 30 verzeichnete das internationale Vorbild Helsinki 2024 null Verkehrstote», sagt Sauter-Servaes. Auch in Norwegen sank die Zahl der Verkehrstoten laut dem Verkehrs-Club der Schweiz zwischen 2014 und 2024 um 41 Prozent. 2024 verzeichnete das Land mit 16 Toten pro Million Einwohnerinnen die niedrigste Rate der vom European Transport Safety Council untersuchten Länder.
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