Drohnen, KI und Militär: Die Zukunft der Technologie

In der Ukraine geht es nicht nur um Krieg, sondern auch um die Zukunft der Technologie. Ausgeklügelte Software geht eine Symbiose mit den Drohnen ein.
Foto: Justin Tang/The Canadian Press/ap
D ronophobie“ heißt die immer häufiger auftretende Störung mit PTBS-ähnlichen Symptomen, die Menschen in frontnahen Gebieten der Ukraine entwickeln. Betroffene reagieren panisch auf Geräusche von Rasenmähern und Insekten, da sie diese an die Killerdrohnen erinnern.
Darüber denke ich nach, während ich die Enten beobachte, die vergnügt quaken. Drohnen werden in der Ukraine umgangssprachlich „Vögel“ genannt. Im Hintergrund zeichnen sich die Umrisse der Alpen ab.
Hier, an der Evangelischen Akademie Tutzing am Starnberger See, findet Mitte September die Fachtagung „Technologien des Krieges“ der Bundeszentrale für politische Bildung statt. Eine beruhigende Kulisse für die furchteinflößenden wie faszinierenden Entwicklungen der Gegenwart, die auf der Agenda stehen.
Yelizaveta Landenberger ist freie Autorin. Sie berichtet für die taz regelmäßig aus Osteuropa und über die Ukraine.
Lyuba Shipovich, eine der Vortragenden, führte einst ein bequemes Leben als IT-Unternehmerin in New York City. In der Ukraine treibt sie nun mit ihrer NGO „Dignitas“ technologische Lösungen fürs Militär voran, um den russischen Angriff abzuwehren. Sie wolle „Boots mit Bots ersetzen“, sagt sie.
Die Hoffnung sind die Roboter
Ihre Vision: „Hoffentlich können Roboter alle Menschen auf dem Schlachtfeld ablösen.“ Als 2023 die Munition wegen ausbleibender westlicher Lieferungen knapp wurde, machte sich „Dignitas“ für FPV-Drohnen als Alternative zur Artillerie stark, half bei der Beschaffung und bei der Ausbildung der Piloten. Nun stehen Bodendrohnen im Fokus.
Shipovich erklärt, ihre NGO greife überall da ein, wo staatliche Strukturen zu langsam seien. Doch die russische Seite schläft nicht, auch sie entwickelt permanent neue Technologien. Durch diesen Drohnen-Wettlauf ist im Osten der Ukraine eine Todeszone entstanden. „Wir verwenden den Begriff Frontlinie nicht mehr. Es ist eine kill zone, teils 50 bis 60 Kilometer breit,“ so Shipovich.
Ukrainische Militärangehörige sind ebenfalls nach Tutzing angereist. 90 bis 95 Prozent aller Verluste auf der russischen Seite seien auf unbemannte Systeme zurückzuführen, schildert ein Kommandeur. Er glaubt daran, dass schon bald ein Viertel der Infanteriesoldaten seiner Brigade durch Maschinen ersetzt werden könnte.
Mit billigen Dingen sehr Teure zerstören
„We use cheap things to destroy very expensive things“, bringt die Journalistin Nataliya Gumenyuk den ökonomischen Faktor der Drohnenrevolution auf den Punkt, über die sie jüngst ein Buch geschrieben hat. Wie Shipovich unterstreicht sie den Grassroots-Charakter des ukrainischen Abwehrkampfs. Es sind nicht Rüstungsgiganten am Werk, nicht „der Staat“, sondern die Gesellschaft. Eine immer wichtigere Rolle spielt die Automatisierung – ausgeklügelte Software geht eine Symbiose mit den Drohnen ein.
In deutlichem Kontrast zu den ukrainischen Positionen stehen die Beiträge der beiden deutschen Keynote-Speakerinnen bei der Tagung, die sich vor allem auf das Silicon Valley konzentrieren. Die Politikwissenschaftlerin Elke Schwarz von der Queen Mary University in London prangert die apokalyptische Rhetorik der Tech-Bros an, deren „techno-eschatologische Tropen“ sowie den verstärkten Einsatz von KI zu militärischen Zwecken. Und freilich gibt es da sehr bedenkliche Entwicklungen.
„Macht, Daten und Krieg“
Aber den großen Krieg in Europa und die sich aktuell dort ereignende Drohnenrevolution spart Schwarz aus, wie auch Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, die über „Macht, Daten und Krieg“ referiert. Gleich zu Beginn ihres Vortrags stellt sie klar, dass sie nicht über die Ukraine sprechen werde – ganz zum Erstaunen der Anwesenden.
Bogna Konior, eine an der NYU in Shanghai lehrende Medienwissenschaftlerin aus Polen, die viel Zeit in der Ukraine verbringt, meint: Selbst wenn es schockierend sei, wie wenig der dortige Krieg bei vielen Menschen aus dem Tech-Bereich präsent ist, werde die Strategie, ihnen aufgrund ihrer Ignoranz ein schlechtes Gewissen zu machen, nicht fruchten. Die Ukraine auf ihre kognitive Karte zu bringen, das erreiche man eher „durch die Hintertür“.
Deshalb möchte Konior die Ukraine unbedingt als Ort denken, an dem es nicht nur um Krieg geht – sondern um die Zukunft der Technologie.
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