Im Sog der Verschwörungsmythen – «Gefühle übertrumpfen die Vernunft»

«Verschwörungstheorien sind Erklärungsmodelle. Sie behaupten, dass sich Ereignisse nicht durch offizielle oder allgemein anerkannte Ursachen erklären lassen, sondern das Resultat einer geheimen Manipulation durch mächtige Gruppen oder Personen sind.» Dies sagt Sarah Pohl, Leiterin der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen von Baden-Württemberg und Autorin des Sachbuchs «Kann man Filterblasen platzen lassen».
Solche Erzählungen schiessen in Krisenzeiten besonders ins Kraut: Echsenmenschen reagierten die Welt. Eine skrupellose Elite beute systematisch Kinder aus. Die Erde sei eine Scheibe. Für den Erfolg solcher Geschichten gebe es mehrere Gründe, erklärt Sarah Pohl.
Verschwörungsmythen wurzeln im Vertrauensverlust
Ein wichtiger Grund sei, dass Menschen zum Teil das Vertrauen in «die da oben», in politische Systeme oder in die Pharmaindustrie verloren hätten. Auch aus Angst würden manche nach einfachen Erklärungen suchen.
Erklärungen, die sehr einfach sind, sind für manche Menschen attraktiver.
Zudem liesse sich mit Verschwörungstheorien Komplexität reduzieren und Schuldige festlegen. Doch weshalb versuchen diese Menschen nicht, Erklärungen in wissenschaftlich belegten Fakten zu finden?
Gefühle vs. Vernunft
«Viele wissenschaftliche Erklärungen sind komplex und reduzieren nicht auf einfache Antworten. Deswegen werden Erklärungen, die sehr einfach sind, für manche Menschen attraktiver. Komplexität bedeutet auch Kontrollverlust.»
rec. Im Sog der Verschwörungstheorien – Wenn Misstrauen das Weltbild prägt
Dokus & Reportagen Laufzeit 35 Minuten.
Am stärksten verbreiten sich Geschichten, egal ob wahr oder erfunden, wenn sie die Menschen emotional ansprechen.
«Gefühle übertrumpfen die Vernunft», sagt Sarah Pohl: «Sie sind in gewisser Hinsicht ein Kompass für uns, eine Leitlinie für unser Leben. Wir agieren in vielen Kontexten affektbasiert und lassen uns von Gefühlen leiten. In manchen Bezügen kann das auch sehr sinnvoll sein. In Kontexten, die Verschwörungstheorien adressieren, kann es hingegen problematisch werden.»
Nur Fakten reichen nicht
Umso wichtiger sei es, emotional in Kontakt zu bleiben mit Menschen, die sich in seltsamen Filterblasen bewegen. So schreibt Sarah Pohl in ihrem Buch: «Wer wirklich etwas verändern will, muss mehr bieten als Fakten: eine emotionale Ansprache, Empathie, Vertrauensaufbau und Dialog auf Augenhöhe.»
Wir sollten also zuerst durchatmen und versuchen, das Gegenüber trotz der Meinungsverschiedenheiten als Menschen zu respektieren.
Wo gibt es noch kleine Verbindungen zu diesen Menschen?
«In dem Moment, wo wir sagen, der ist nur noch Verschwörungstheoretiker, tun wir etwas ganz Ähnliches: Wir reduzieren den Menschen auf seine problematische Meinung. Ich rate immer dazu, noch mal einen Schritt zurückzugehen und zu schauen, wo es vielleicht auch noch kleine Verbindungen gibt.»
Sarah Pohl: «Kann man Filterblasen platzen lassen? 101 Fragen & Antworten rund um Verschwörungstheorien, Fake News und ideologische Überzeugungen». Fandenhuuk, 2026.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 5.10.2026, 17:20 Uhr ; zehr, brec
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