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Monday, September 14, 2026

«Streben neue Weltordnung an»: Putin, Xi und Modi Hand in Hand

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  • Am Wochenende fand in Indien der Brics-Gipfel statt.
  • Wladimir Putin, Xi Jinping und Narendra Modi hielten sich an den Händen und strahlten Einigkeit aus.
  • Für Geopolitik-Experte Urs Vögeli ist das ein weiteres Zeichen an den Rest der Welt.
  • Die Botschaft sei klar: «Die westliche Weltordnung ist nicht der einzige Weg zu Sicherheit, Frieden und Wohlstand.»

Sie halten sich an den Händen, lachen, ja strahlen: Die Bilder des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des indischen Premierministers Narendra Modi vom Brics-Gipfel gehen um die Welt. Doch auch abseits des grossen Treffens passiere viel im Brics-Ökosystem, sagt Geopolitik-Experte Urs Vögeli – mit direkten Folgen auf den Iran-Krieg, den Rest der Welt und auch die Schweiz.

Xi Jinping Hand in Hand mit Putin und Modi: Welches Signal senden diese Bilder an die westliche Welt?

Urs Vögeli: Das Signal ist klar: Wir stehen zusammen. Man zeigt der Welt, dass Putin nicht so abgeschottet ist, wie es für uns im Westen vielleicht manchmal den Anschein haben mag. Dasselbe gilt auch für den Iran, der sich am Brics-Gipfel etwa mit den Vereinigten Arabischen Emiraten traf, obwohl die Länder gerade Gegner sind. Auch das ist ein Signal an die Welt: «Selbst wenn Krieg herrscht, schaffen wir etwas, an dem ihr scheitert: Wir sprechen weiterhin miteinander und suchen nach Lösungen.»

Die Brics-Staaten

Brics ist ein Zusammenschluss wichtiger Schwellen- und Grossmächte. Zur Gruppe gehören Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien. Der Name geht auf die Anfangsbuchstaben der fünf ursprünglichen Mitglieder zurück. Brics will den wirtschaftlichen und politischen Einfluss seiner Mitglieder stärken und deren Abhängigkeit vom Westen reduzieren. Die Gruppe ist jedoch weder ein Militärbündnis noch politisch geschlossen.

Am Wochenende fand in Indien der Brics-Gipfel 2026 statt.

Am Wochenende fand in Indien der Brics-Gipfel 2026 statt.AFP

Welche konkreten Ergebnisse gab es denn?

Xi Jinping hat den Gipfel clever genutzt. Oft sind es dieselben Themen, die uns auch beschäftigen, in denen China vorangeht. So sprach er über die Regulierung von künstlicher Intelligenz und versprach, den Zugang zu KI-Systemen mit den Brics-Staaten teilen zu wollen, sodass alle Menschen von der Technologie profitieren können. Diese Diskussionen führen wir hier auch, weil uns bewusst wird, dass alle grossen Modelle ein paar wenigen Tech-Bros gehören. China spielt dieses Spiel immer wieder gut: Sie nehmen westliche Narrative auf und bieten dem «globalen Süden» glaubhafte Alternativen. Dagegen kann der Westen dann nicht viel sagen, weil wir uns ja mit denselben Problemen und Fragen beschäftigen. China will gemeinsame Standards entwickeln mit den Brics-Staaten, neben der KI etwa auch im Bereich Cloud Computing, Bildung oder Infrastruktur – alles als Alternative zur westlichen Ordnung und damit zu den USA.

«Dass der Iran sich noch wehren kann, hängt zentral mit der Unterstützung durch China, Indien und Russland zusammen.»

Welchen Einfluss haben solche Treffen etwa auf den Iran-Krieg?

Grösser, als wir hierzulande womöglich denken. Dass der Iran sich überhaupt noch wehren kann, hat zentral mit der Unterstützung durch China, Indien und Russland zu tun. Viele Golfstaaten leiden darunter, dass der Iran mit Angriffen auf sie versucht, Druck auf die USA und die Welt auszuüben. Und jetzt kommt mit den Huthis die nächste Eskalationsstufe. Da hilft es, wenn diese Staaten sich trotz teilweise kriegerischer Akte gegeneinander dennoch treffen und absprechen. Immer mit dem grösseren Ziel, unabhängiger von den USA zu werden. Denkbar wäre beispielsweise, dass aus diesen Treffen heraus eine Vereinbarung zwischen dem Iran und den Golfstaaten zustande kommt, was Gebühren für die Durchfahrt durch die Strasse von Hormus angeht.

Trotz anhaltendem militärischem Druck durch die USA bleibt der Iran bis jetzt standhaft. Im Bild: Ein F/A-18 Super Hornet der US-Navy-Staffel VFA-102 landet am 13. September 2026 auf dem Flugzeugträger USS George Washington.

Trotz anhaltendem militärischem Druck durch die USA bleibt der Iran bis jetzt standhaft. Im Bild: Ein F/A-18 Super Hornet der US-Navy-Staffel VFA-102 landet am 13. September 2026 auf dem Flugzeugträger USS George Washington.AFP Photo/US Navy

Sie sagten bereits 2024, Brics forme eine alternative Weltordnung. Was ist seither konkret entstanden?

Aus Brics-Perspektive sind zwei Jahre kurz. Entscheidend sind nicht nur die Gipfel: Über das Jahr finden Hunderte Treffen zwischen Ministerien, Unternehmen, Hochschulen und Thinktanks statt. Dabei entstehen gemeinsame Positionen und ein immer dichteres Beziehungsnetzwerk.

Würden Sie also schon von einer neuen Weltordnung sprechen?

Wir erleben zumindest das Ende einer Ordnung, in der der Westen der einzige Bezugspunkt war. Brics-Staaten wollen selbstbestimmter und weniger abhängig vom Westen sein. Sie unterstützen sich wirtschaftlich und diplomatisch.

«Wir erleben das Ende einer Ordnung, in der der Westen der einzige Bezugspunkt war.»

Vor Indien reiste Xi Jinping schon nach Ägypten und Kirgistan. Dies, nachdem er in den Jahren zuvor eher zurückhaltend war mit Auslandsbesuchen. Woher der Wandel?

Xi liess die Welt eher zu sich kommen in den letzten Jahren. Jetzt setzt er wieder gezielte Signale mit Auslandsreisen: Kirgistan steht für die SCO (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, die Red.) und Zentralasien, Ägypten verbindet Afrika und den Nahen Osten. Indien ist als Brics-Gastgeber und chinesischer «Rivale» besonders bedeutend.

Ist das ein Zeichen von Stärke oder ist China auch auf Partner angewiesen?

Beides. Xi musste nach der Pandemie im eigenen Land viel auffangen und die inneren Probleme sind nicht ausgestanden. Aber insbesondere letztes Jahr konnte sich China infolge der aufwirbelnden Politik Donald Trumps zurücklehnen und als stabiler Partner die Länder zu sich rufen. Weil die USA nun mit dem Iran-Krieg beschäftigt sind, kann China sich wieder proaktiver als verlässlicher Akteur und Gegenpol zu den USA präsentieren. Auch denkbar ist, dass das Ganze einer Dramaturgie hin zum geplanten Staatsbesuch in Washington oder sogar zu einem trilateralen Treffen mit Trump und Putin führt.

Xi Jinping ist in den letzten Jahren kaum gereist. Nun warb er am Brics-Gipfel für China als verlässlichen Gegenpol zu den USA.

Xi Jinping ist in den letzten Jahren kaum gereist. Nun warb er am Brics-Gipfel für China als verlässlichen Gegenpol zu den USA.AFP

Neben China, Russland und dem Iran. Wer profitiert von dieser neuen Ordnung?

Neben China gewinnen Länder wie Indien, Brasilien und Indonesien an Gewicht. Viele Staaten pflegen zugleich Beziehungen in verschiedene Richtungen. Indien arbeitet mit den USA, Europa, Russland und China zusammen. Früher galt: Wer sich entwickeln will, muss westlicher werden. Heute gibt es Alternativen.

«Der Dollar wird nicht morgen zusammenbrechen.»

China und Indien sind Rivalen. Ist Brics überhaupt eine Allianz?

Nicht im klassischen Sinn. Bei Brics können Staaten gleichzeitig Partner, Konkurrenten und Gegner sein. Die meisten wollen sich nicht exklusiv an China oder Russland binden, sondern auswählen können. Darin liegt der Machtverlust des Westens: Er kann nicht mehr selbstverständlich erwarten, dass andere Staaten seiner Linie folgen.

Was können diese Länder heute, was vor zehn Jahren kaum möglich war?

Sie können westlichen Druck besser abfedern. Eine gemeinsame Brics-Währung liegt in weiter Ferne. Aber der Handel in eigenen Währungen nimmt zu, alternative Zahlungssysteme werden aufgebaut und diplomatische Positionen abgestimmt. Der Dollar wird nicht morgen gestürzt, einzelne Abhängigkeiten nehmen aber ab.

Was verbindet diese sehr unterschiedlichen Länder?

Das Narrativ lautet: Jedes Land hat das Recht auf einen eigenen Weg zu Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit. China und Indien zeigen aus ihrer Sicht, dass Entwicklung nicht dem westlichen liberal-demokratischen Modell folgen muss. Zugleich verlangen diese Staaten mehr Einfluss im Internationalen Währungsfonds und in der Weltbank. Auch die UNO soll reformiert werden, insbesondere der Sicherheitsrat.

«Freihandelsabkommen und gute Beziehungen zu unterschiedlichen Staaten werden auch für die Schweiz wichtiger werden.»

Woran werden Menschen in der Schweiz diese Verschiebung bemerken?

Zunächst indirekt. Entscheidungen über Handelswege, Rohstoffe, Währungen oder Sanktionen werden nicht mehr nur in westlich geprägten Institutionen gefällt. Für die Schweiz können ihre Freihandelsabkommen und guten Beziehungen zu unterschiedlichen Staaten wichtiger werden. Aber der Druck und die Abhängigkeiten werden vielfältig zunehmen.

Muss sich die Schweiz zwischen China und dem Westen entscheiden?

Nicht zwingend, denn die Welt zerfällt nicht einfach in zwei feste Blöcke. Aber die Schweiz muss häufiger abwägen: Wie stark können wir Menschenrechte und andere Werte gegenüber Staaten einfordern, von denen wir wirtschaftlich abhängig sind? Gegenüber Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten handeln wir bereits sehr pragmatisch.

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Droht ein Zusammenstoss zwischen den Ordnungen?

Die politischen und wirtschaftlichen Konflikte werden zunehmen. Je mehr Länder sich Brics und ähnlichen Organisationen anschliessen, desto stärker verändern sich auch Debatten und Abstimmungen in internationalen Organisationen. Auch die Wahrscheinlichkeit für militärische Konfrontationen kann dadurch zunehmen.

Woran erkennen wir, ob diese neue Weltordnung wirklich entsteht?

Ein Lackmustest ist, welche Staaten sich als Nächstes annähern. Für Europa wären etwa die Türkei, Serbien oder Algerien besonders relevant im strategischen Umfeld. Gleichzeitig müssen wir beobachten, ob Brics seine internen Gegensätze aushält. Massive Konflikte zwischen wichtigen Mitgliedern würden die Grenzen des Modells zeigen. Aktuell zeigt sich aber eher das Gegenteil. Die Botschaft auch von Xis Besuch in Indien lautet: Wir können trotz teilweise grosser Differenzen gemeinsam die Welt strategisch in eine andere Richtung lenken.

Daniel Graf

Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.

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