Elektronik: Warum der Westen kaum noch mit China konkurrieren kann
Können Sie sich noch an die Zeiten erinnern, als GoPro ein Synonym für Action-Kameras war? 2015 verkaufte das Unternehmen etwa 6,6 Millionen der Kameras und hatte einen Marktanteil von mehr als 70 Prozent. Doch heute kämpft der einstige Pionier ums Überleben.
Grund ist die chinesische Konkurrenz: Die größten Rivalen von GoPro heißen DJI und Insta360, sie stiegen 2019 und 2021 in den Markt für Action-Kameras ein. Heute entfallen mehr als 90 Prozent der weltweiten Umsätze mit intelligenten Handkameras auf sie.

Alexander Hannemann, der seine Motorradfahrten regelmäßig mit Action-Kameras aufzeichnet, erzählt, dass er vor etwa zwei Jahren von GoPro auf Insta360 umstieg. "Die Qualität ist viel besser als bei GoPro, selbst wenn ich beschleunige und mit 80 Kilometern die Stunde in die Kurve gehe", sagt er.
China drängt in Führung
GoPro ist keine Ausnahme: Seit etwa 2010 haben zahlreiche chinesische Marken westliche Branchenführer in vielen Technologiebereichen überholt - das gilt für Smart-TVs ebenso wie für Saugroboter. Somit sind die Zeiten vorbei, in denen "Made in China" für billige Massenprodukte stand. "China stellt noch immer bezahlbare Produkte her", sagt Chris Pereira, ein kanadischer Unternehmer und Autor, der über mehr als 20 Jahre Erfahrungen in China gesammelt hat. "Aber die Produkte sind auch von hoher Qualität."
Diese Kombination habe dazu geführt, dass mehr als die Hälfte der von Verbrauchern gekauften Tech-Produkte weltweit aus China komme, fügt er hinzu. Fast zwei Drittel aller verkauften E-Autos stammten im vergangenen Jahr von BYD, Xpeng und anderen chinesischen Automobilherstellern, die damit etablierte Hersteller wie Tesla hinter sich ließen. Bei Saugrobotern dominieren chinesische Marken den Weltmarkt. Der frühere Pionier iRobot aus den USA hat es schwer, da mitzuhalten.

Mit seiner Beraterfirma iMpact unterstützt Pereira chinesische Unternehmen dabei, im Ausland Fuß zu fassen. Er macht für den Erfolg dieser Unternehmen den heftigen Wettbewerb auf den heimischen Märkten in Städten wie Shenzhen, Hangzhou und Shanghai verantwortlich, hochintegrierte Lieferketten und eine "Can do"-Unternehmenskultur, die es Unternehmen möglich macht, innovativ und schnell zu reagieren.
Weitere Gründe für Chinas Wettbewerbsvorteil sind die beispiellose industrielle Automatisierung, der strategische Einsatz von KI in der Fertigung, die Reaktionsbereitschaft der Aufsichtsbehörden und die relativ preiswerte Arbeitskraft. All das führt zu deutlich niedrigeren Produktionskosten und schnelleren Innovationszyklen als in den am weitesten entwickelten Volkswirtschaften der Welt.
Joey Cheng siedelte vor mehr als 20 Jahren in die USA um, um dort zu promovieren. Er kennt sowohl die US-amerikanische Verbraucher- als auch die chinesische Herstellerseite. Zwar befindet sich der Sitz seines Startups in den USA, doch die Fertigung findet fast ausnahmslos in Shenzhen statt, wo ein großer Teil der weltweit konsumierten Hardware und Verbraucherelektronik hergestellt wird.
"Die Lieferkette in Shenzhen ist für Kosteneinsparungen und eine schnelle Produktentwicklung praktisch unverzichtbar", sagt er. "Besonders als Startup musst du Produkte schnell zum Verbraucher bringen, sonst gehst du unter."
Chinas BYD will E-Autos in Ungarn bauen
Doch auch wenn sich die Verbraucher in großen Zahlen chinesischen Unternehmen zuwenden, gibt es noch immer Vorbehalte. In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage haben über 90 Prozent der europäischen Verbraucher kein Vertrauen in chinesische Unternehmen geäußert, wenn es um ihre Daten geht. Etwa 80 Prozent misstrauen auch US-Unternehmen. Besonders groß ist das Misstrauen bei den Deutschen.
Auch Nadine, die als deutsche Reisebloggerin auch DJI und Insta360 nutzt, würde zu Hause keine asiatischen Produkte nutzen. "Mein Saugroboter stammt genau aus diesem Grund von einer deutschen Firma: Damit die Daten entsprechend deutscher Vorschriften behandelt werden. Schließlich können die Hersteller direkt auf die Kamera zugreifen", sagt sie und bezieht sich damit auf die Fälle, in denen Kamera- und Audiodaten von Saugrobotern gehackt wurden.
Chinesische Unternehmen, die Absatzmärkte im Ausland erschließen wollen, müssten einen "Vertrauenszuschlag" zahlen, meint Pereira. "Das mangelnde Vertrauen bedeutet, dass sie besonders wettbewerbsfähig in puncto Produkt und Preis sein müssen, damit der Markt sich für sie entscheidet." Die Vertrauenslücke lasse sich durch eine Präsenz auf ausländischen Märkten schließen, wie beispielsweise durch das erste europäische PKW-Werk von BYD, das noch in diesem Jahr in Ungarn eröffnet werden soll.
Chinesische Unternehmen betonen, dass sie die Datenschutzregelungen der EU erfüllen. Gesetze zur nationalen Sicherheit in den USA und China fordern jedoch unter Umständen von Unternehmen die Übergabe von Daten an die Behörden. Ob Daten von europäischen Servern ins Ausland übertragen werden, lässt sich laut deutschen Behörden nur begrenzt kontrollieren.
Neben Bedenken bezüglich der Datensicherheit sind chinesische Unternehmen aus dem Bereich der Konsumelektronik wegen Spionage und anderer Risiken in die Kritik geraten, zuletzt im Zusammenhang mit vernetzten Produkten wie Elektrofahrzeugen.
Droht ein neuer Handelskrieg?
Angesichts der Sicherheitsbedenken, der Handelsdefizite und der weitreichenden Dominanz Chinas haben die USA und verschiedene andere westliche Staaten chinesische Importe und Unternehmen mit Zöllen und strengen Auflagen belegt und schwarze Listen erstellt. Ende Juli verbot die Regierung von US-Präsident Donald Trump die Einfuhr von nicht in den USA produzierten humanoiden Robotern.

Die Auswirkungen bekämen alle chinesischen Produzenten elektronischer Geräte zu spüren, sagte ein Vertreter des chinesischen Roboterherstellers Primebot zur DW. "Möglicherweise versuchen wir mit einem US-Unternehmen vor Ort zu kooperieren. Ein anderer Lösungsansatz wäre, eine Fabrik in den USA zu errichten", erläuterte er.
Auch europäische Staaten und die EU denken über weitere Zölle für chinesische Unternehmen nach.
Chris Pereira geht davon aus, dass die Zölle zwei Trends bei chinesischen Unternehmen beschleunigen werden: Die Verlagerung der Fertigung ins Ausland und einen zunehmenden Fokus darauf, mit Premium-Produkten in Konkurrenz zu führenden westlichen Marken zu treten.
"Chinesische Behörden und Unternehmen wissen, dass die Fertigung bis zu einem gewissen Grad in den Zielländern stattfinden muss. Ein Grund dafür ist, die Herausforderungen des Exports zu verringern, ein anderer, Vertrauen vor Ort aufzubauen", unterstreicht Pereira.
"Sobald Zölle den Preisvorteil im unteren Preissegment zunichtemachen, bleibt nur noch die Marge im oberen Preissegment. Chinesische Marken konkurrieren also zunehmend direkt mit etablierten westlichen Marken, bei denen Vertrauen der zentrale Faktor ist."
Sind westliche Unternehmen konkurrenzfähig?
China wird wirtschaftlich immer dominanter und westliche Unternehmen versuchen verzweifelt, wettbewerbsfähig zu bleiben. Kaz Merchant arbeitet für ein Unternehmen in Großbritannien, das IT-Hardware importiert und exportiert. Er meint, insbesondere kleinere Unternehmen müssten sich eine geografische Nische erschließen. "Sie brauchen ein Alleinstellungsmerkmal für ein bestimmtes Produkt, über das China für diese Region nicht verfügt. Oder sie müssen eine Partnerschaft mit einem chinesischen Unternehmen eingehen", sagt er.
Ein wichtiges Thema, das Europa lösen müsse, sei die Reaktionsbereitschaft der Aufsichtsbehörden, glaubt Pereira. "Die chinesischen Aufsichtsbehörden sagen umgehend und ganz klar, was man tun kann. Dank dieser Schnelligkeit können sich Unternehmen weiterentwickeln und im Ausland erfolgreich sein", erläutert er. "Wer Wochen auf eine Antwort warten muss, verliert Kunden."
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