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Monday, October 5, 2026

«Ich arbeite sieben Tage die Woche – es ist ein täglicher Kampf»

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Spielgruppenleiterin, Museumsführerin, Schwimmlehrerin, Kunstvermittlerin, Buchhändlerin, Geigerin, Kinderbuch-Autorin – und Mutter. All das ist Nora S.* (36). Und trotzdem reicht das Geld kaum, um ihre fünfköpfige Familie über Wasser zu halten. S. ist damit eine von 360'000 Working Poor in der Schweiz. Dazu zählt die Hilfsorganisation Caritas Personen, die armutsgefährdet sind, obwohl sie einen oder mehrere Jobs haben. Für diese Personengruppe ist die Gefahr gross, komplett in die Armut abzurutschen.

«Ich arbeite sieben Tage die Woche, jeden Tag übe ich mindestens einen bis zwei Jobs aus», sagt S. beim Treffen mit Blick. Aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung möchte sie ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen. In einem guten Monat verdient sie mit ihren sieben verschiedenen Jobs, in denen sie nur in kleinen Pensen arbeiten kann, rund 5000 Franken brutto. Doch die Mutter von drei Kindern muss jeden Rappen dreimal umdrehen. S.: «Es ist ein täglicher Kampf.»

Nichts übrig für Notfälle

Die gebürtige Italienerin lebt seit 13 Jahren in der Schweiz. Sie hat einen Master als Kunst-Kuratorin von der Zürcher Hochschule der Künste, doch der Job ist schwer mit ihrem Familienleben zu vereinbaren. «Ich will für meine Kinder präsent sein können», sagt S.

Während die Mutter vor allem an Nachmittagen und am Wochenende arbeitet, kümmert sich ihr Ehemann um die drei Kinder. Er ist vor sechs Jahren aus dem besetzten Kurdistan geflüchtet und arbeitet in der Schweiz mittlerweile als Klassenassistenz. Damit verdient er pro Monat rund 1800 Franken.

Knappe 6800 Franken brutto stehen der fünfköpfigen Familie somit monatlich zur Verfügung – aber das nur in einem guten Monat. Oft verdient S. deutlich weniger im Monat. «Im September konnte ich nur zwei Museumsführungen machen, das ist sehr wenig», sagt S. Von den Brutto-Einkünften gehen dann noch Steuern und andere Abzüge weg. Bis vor kurzem kämpfte sich die Familie zudem mit weniger durch: Wegen der Kinder kann S. erst seit kurzem so viel arbeiten. Die Familie bezieht keine Sozialhilfe.

Am meisten Sorgen bereiten der Mutter die Krankenkassenkosten. Immerhin bekommt die Familie Prämienverbilligung. Pro Monat belaufen sich die Kosten auf 780 Franken. Doch 2027 steigen die Prämien weiter, im Kanton Zürich um 5,8 Prozent. Bei der Wohnung hat die Familie Glück: Sie wohnen in einer Genossenschaftswohnung in der Stadt Zürich für 1300 Franken. Die fünfköpfige Familie lebt auf knapp 70 Quadratmetern.

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Wenn jemand von uns einen medizinischen Notfall hat, können wir das nicht bezahlen.

Nora S.*

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Das Budget ist knapp. «Wenn jemand von uns einen medizinischen Notfall hat, können wir das nicht bezahlen», zeigt sich S. besorgt. Ferien sind für die Familie nur möglich, wenn sie Verwandte in Italien besuchen. Nur mit viel Mühe schafft es S., etwas Geld auf die Seite zu legen.

Geld für Prüfung fehlt

Ihr Traum wäre es, als Montessori-Pädagogin zu arbeiten. Die Ausbildung dafür hat sie beinahe abgeschlossen, inklusive einer Lehre als Kinderbetreuerin. Doch um den Job in dafür ausgerichteten Kindergärten, Kitas und Schulen ausüben zu dürfen, fehlt ihr noch die Deutschprüfung auf Niveau C2. «Das ist mein Ziel. Doch für den Kurs brauche ich 2000 Franken», so S.

Das Geld will sie sich nun mit ihren zahlreichen Jobs zusammensparen. Das Problem: «Würde ich zu 100 Prozent in der Kinderbetreuung arbeiten, würde ich weniger verdienen. Und wer schaut dann auf meine Kinder?», fragt die Mutter laut.

Ihren Kindern will sie ein sorgenfreies Leben ermöglichen können. Die beiden älteren Töchter aus erster Ehe spielen beide ein Instrument und machen Sport. Trotzdem merken sie, dass es ihrer Familie finanziell schlechter geht als anderen. «Wenn wir ausnahmsweise mal auswärts essen gehen, fragen sie: Mami, können wir uns das leisten?», erzählt S. Für die Mutter ist das keine einfache Situation.

820'000 Betroffene leiden

S. ist keineswegs ein Einzelfall. «Ich sehe zahlreiche Leute, die viel arbeiten, aber am Ende bleibt ihnen nichts», so die Mutter. Neuste Zahlen der Caritas zeigen: 360'000 Personen in der Schweiz verdienen nicht genug, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, obwohl sie in hohen Pensen arbeiten. Inklusive Partner und Kinder leiden darunter 820'000 Personen.

Und die Zahl der Betroffenen steigt. «Ärmere Haushalte geben praktisch ihr ganzes Bruttoeinkommen für Fixkosten und Grundbedürfnisse aus. Sie haben null Reserven, um solche zusätzlichen Belastungen zu verkraften», sagt Aline Masé (40) von der Caritas. Das Problem: Viele solcher Familien fallen bei Ergänzungsleistungen knapp durch und erhalten deshalb kein Geld. Im Vergleich zu Armutsbetroffenen steht ihnen kaum Unterstützung zur Verfügung.

S. bleibt zuversichtlich: «Wir leben mit wenig, sind aber sehr zufrieden.» Seit diesem Sommer ist sie offiziell Schweizerin. Das konnte sie sich nur ermöglichen, weil sie keine Sozialhilfe bezieht. «Ich habe jetzt zum ersten Mal abgestimmt. Das macht mich sehr stolz.»

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