Sicherheit im 21. Jahrhundert – Die Demokratie als Opfer der Technologie

Die sicherheitspolitische Welt ist aus den Fugen: aus politischen, militärischen und, was oft übersehen wird, aus technologischen Gründen. Künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Neurotechnologie, Nanotechnologie oder Quantencomputer wachsen zusammen und befeuern sich wechselseitig, so Jean-Marc Rickli vom Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. Er spricht von einer ungeheuren Macht.
Die Macht wandert zu den Tech-Konzernen
Rickli ist Spezialist für neue globale Risiken. Er war Professor am Londoner King's College, an der Universität Khalifa in Abu Dhabi und ist Mitglied zahlreicher Beraterstäbe. Die technologischen Entwicklungen hätten zugleich eine, wie er sagt, «demokratisierende» Wirkung, was er keineswegs positiv meint. Es sinke nämlich die Schwelle auch für kriminelle Banden, Terrororganisationen oder einzelne Unternehmen, sie zu nutzen für ihren geopolitischen Einfluss.
Gleichzeitig werden die Besitzer von Tech-Unternehmen mächtiger als die meisten Staats- und Regierungschefs.
Ein Konzern wie der US-Chiphersteller Nvidia habe, so Rickli, heute mehr finanzielle Potenz als eine Mittelmacht. Er rangiert gleich hinter den USA, China und Deutschland. «Doch solche Firmen sind nicht der Bevölkerung verpflichtet, sondern nur ihren Aktionären. Und die künstliche Intelligenz agiert nicht im Interesse der Menschheit.»
Warum Demokratien verwundbarer werden
Angreifer seien heute imstande, schlicht das Verteidigungssystem eines Staates zu überlasten durch Angriffe – massenhaft, irgendwo und jederzeit.
Hoch entwickelte Gesellschaftssysteme hätten Zigtausende von Schwachstellen. Sie würden inzwischen fast täglich ausgenutzt.
Wir handeln immer erst, wenn ein Problem akut ist – also zu spät. Heute müssten wir auch einkalkulieren, was noch als Science-Fiction gilt.
Jean-Marc Rickli hält deshalb offene, demokratische Staaten für weitaus gefährdeter als Diktaturen. Aus mehreren Gründen: Erstens können autokratische Regime ihre Verteidigung viel langfristiger planen. Zweitens können sie rascher entscheiden und, wenn nötig, umsteuern. Ein dritter wesentlicher Vorteil für Diktatoren: Sie können ihrer Bevölkerung viel mehr zumuten – mehr Entbehrungen, mehr Einschränkungen. Demokratische Regierungen hingegen müssen Interessen ausbalancieren. Kürzen sie krass ihre Sozial-, Gesundheits- oder Bildungsausgaben, um stattdessen die Verteidigung hochzufahren, werden sie abgewählt.
Und in keiner Demokratie besteht die Bereitschaft, Gesetze und Regelwerke zu erlassen für künftige Bedrohungen. Rickli: «Wir handeln immer erst, wenn ein Problem akut ist – also zu spät. Heute müssten wir auch einkalkulieren, was noch als Science-Fiction gilt.»
Die neue Sicherheitsordnung
Das technologische Tempo sei atemberaubend. Frühere bahnbrechende Erfindungen wie Feuer, Elektrizität oder Dampfmaschine konnten sich, so Rickli, nicht selbst weiterentwickeln. Die künstliche Intelligenz könne das und tue das.
Ist man ihr machtlos ausgeliefert? «Ein Stück weit schon», so der Experte. Regierungen müssten sich notgedrungen darauf konzentrieren, wenigstens das Überleben eines Landes und seiner Bevölkerung zu sichern. Ein Mensch müsse, um zu überleben, atmen, trinken, essen und schlafen. Sonst sterbe er. Es gelte nun, zu definieren, was ein Staat zwingend brauche, und zu versuchen, sich wenigstens gegen Angriffe auf dieses Überlebensnotwendige zu wappnen. Mehr sei gar nicht mehr möglich. Keine erfreuliche Perspektive.
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