Erleben statt Reden – Was Männerfreundschaften wirklich zusammenhält

«Wie gehts?» – «Es muss.» Eine Klischeekonversation unter Männern. Der US-Psychologe Rob Levant behauptete gar eine «Gefühlsblindheit» der Männer. Steve Stiehler, Professor am Institut für Soziale Arbeit und Räume der Fachhochschule Ostschweiz, wehrt sich dagegen, Männerfreundschaften als «defizitär» geringzuschätzen.
«Sein können, wie man ist»
Aktuelle Schweizer Studien über Freundschaft gibt es zwei: eine vom Migros-Kulturprozent und dem Gottlieb-Duttweiler-Institut (2023) und eine vom Onlinemagazin Watson (2026).
Die Studien zum Nachlesen
In vielem unterscheidet sich kaum, worauf Männer und Frauen in ihren gleichgeschlechtlichen Freundschaften Wert legen. Die Gemeinsamkeiten fasst Steve Stiehler so zusammen: «Auch wenn es klischeehaft klingt: In Freundschaften geht es vor allem um Vertrauen, Offenheit, Unterstützung und Zugehörigkeit. Und sein zu können, wie man ist.»
Zusammen Zeit zu verbringen, steht ebenfalls im Vordergrund: 80 Prozent der vom GDI Befragten geben an, mit ihren Freundinnen und Freunden am liebsten zu «chillen».
Die Männer und das Miteinander
Spannend wird es bei den geschlechtsspezifischen Unterschieden. Steve Stiehler forscht seit zwei Jahrzehnten zu diesem Thema. Er sagt: «Männerfreundschaften sind sehr stark an gemeinsame Aktivitäten gebunden. Männer beziehen sich über das Miteinander aufeinander.»
«Was tun Menschen in der Schweiz mit ihren Freundinnen und Freunden?», fragt die Studie des Migros-Kulturprozents. Männer engagieren sich mit ihren Freunden häufiger als Frauen mit ihren Freundinnen sozial und politisch. Sie spielen und gamen öfter, treiben mit ihnen Sport und diskutieren über Politik.
Freundschaften unter Frauen kennen andere Prioritäten: Sie shoppen häufiger miteinander, gehen zusammen spazieren, sprechen eher über Probleme mit dem Partner oder der Partnerin, und über Familie und Ängste, Schwächen und Gefühle.
Männerfreundschaften hätten «häufiger eine zielorientierte Komponente», wogegen Freundschaften unter Frauen «personenorientierter» seien. Männer interessierten sich «eher für Dinge und Frauen eher für Menschen», schreiben die Studienautoren Jakub Samochowiec und Johannes C. Bauer.
Männer wollen Hobbys teilen
Recht ausführlich widmet sich die Watson-Studie den Unterschieden: Häufiger Kontakt zu ihren Freunden ist Männern weniger wichtig als Frauen der zu ihren Freundinnen. Dass persönliche Gespräche und emotionaler Kontakt für sie zentral sind, bejahen deutlich mehr Frauen – und ebenso, dass ihnen emotionale Verbindung und Nähe zu ihren Freundinnen viel bedeuten. Männer unter sich bevorzugen gemeinsame Erlebnisse und vor allem geteilte Interessen und Hobbys.
Diese gemeinsamen Aktivitäten täten den Männern gut, sagt Steve Stiehler. Und er betont: «Man kann bei Aktivitäten immer auch bestimmen, wem man wann was erzählt. Man legt beim Sport oder beim Wandern mal eine Pause ein. Da kann man miteinander ins Gespräch kommen – oder auch eine Stunde schweigend nebeneinander hergehen.» Ein anderer Kommunikationsstil also als sich zusammenzusetzen und sich über Gefühle und Beziehungen auszutauschen.
Warum die Wortkargheit vieler Männer?
Über Gefühle, Verletzlichkeit und Sexualität zu sprechen, ist im männlichen Aufwachsen und im Alltag eher selten. Gerade unter Jugendlichen und jungen Männern schwinge gelegentlich die Angst vor «Unmännlichkeit» mit, schreibt der Soziologe Aaron Korn von der Universität Jena.
Das fehlende Einüben eines «Gefühlsvokabulars» treffe zwar nicht mehr so pauschal zu wie früher, sagt Stiehler, aber «das Aufwachsen gerade in Institutionen ist nach wie vor immer noch sehr geschlechtsstereotyp. Im Kindergarten oder in einer Kinderkrippe ist oftmals die Ansprache der Jungs eine andere als die der Mädchen.»
«Wenn man Männer fragt: ‹Wie fühlst du dich?›, beschreiben sie das stark kognitiv, also nicht als Gefühl wie: ‹Das tut mir weh›. Sondern sie antworten so etwas wie: ‹Ich habe totale Wut› oder ‹Ich könnte da jetzt dreinschlagen›.»
Doch die Zahl der Männer, die «sich bewusst und intensiv mit ihren Gefühlen auseinandersetzen und intensive, auch emotionale Männerfreundschaften pflegen», nehme zu. Dass viele heute das Familienleben stärker mitgestalten, stärkt ihre emotionale Kompetenz ebenfalls.
Das verflixte mittlere Alter
Das Lebensalter zwischen 30 und 50 stellt laut Steve Stiehler eine «Durststrecke für Freundschaft» dar, denn eine Grundbedingung ist oft nicht gegeben: dass man viel Zeit miteinander verbringen kann. Die Arbeit kommt einem in die Quere, man will sich auch der Familie widmen.
Wenn am Feierabend die Luft draussen ist, kostet es Anstrengung, regelmässig «draussen» aktiv zu sein. Doch wer dies tut und wer Freunde hat, kann über diese Aktivitäten auch neue Freunde finden. Es lohnt sich: Freundschaften fördern die gedankliche Flexibilität und die geistige Regsamkeit. Dank äusserer Einflüsse schmort man weniger im eigenen Saft.
Die «Durststrecke» des mittleren Alters geht vorbei: «Wenn Freundschaftsbeziehungen, insbesondere Männerfreundschaften, mal bestehen, spielt die Kontakthäufigkeit fast keine Rolle mehr», sagt Stiehler. Dann fragt sich der Kumpel nicht, was mit einem los ist, wenn man sich nur selten meldet, denn «oft hat man es im mittleren oder höheren Alter mit Freundschaften zu tun, die schon länger bestehen und gefestigt sind». Ab 65 nimmt die Anzahl der Freundschaften wieder zu. Man hat wieder Zeit.
Auch in beruflich und familiär sehr fordernden Zeiten der Freundschaft Platz und Zeit einzuräumen und mehr emotionale Offenheit zuzulassen, ist wertvoll. Männerfreundschaften sind nicht «defizitär», sondern anders: Unter Männern braucht man nicht ständig alles in Worte zu fassen. Man kann auch glücklich sein, wenn man miteinander Rad fährt, einen Zaun repariert oder Fussball schaut.
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