Grüne in Mecklenburg-Vorpommern: Händchen halten für den Wiedereinzug

Die Grünen in Schwerin müssen zittern: Erste Hochrechnungen sehen die Partei in Mecklenburg-Vorpommern knapp über der 5-Prozent-Hürde.
Foto: Ulrich Perrey/dpa
In den letzten Sekunden vor der 18-Uhr-Prognose stehen Franziska Brantner und Claudia Müller auf der Grünen-Wahlparty in Schwerin Seite an Seite. Die Bundesvorsitzende und die Spitzenkandidatin halten sich an den Händen. Gegenseitiger Beistand bei maximaler Anspannung: In den Umfragen stand ihre Partei bei 5 Prozent, es geht um den Wiedereinzug in den Landtag – oder das Aus.
Eine Minute nach 18 Uhr halten sich Brantner und Müller immer noch an den Händen. Die Prognose steht bei 5,5 Prozent. Tendenz positiv, aber viel zu knapp, um früh am Abend aufzuatmen.
An Wahltagen zittern zu müssen, ist für die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern keine neue Erfahrung: Seit 1990 hatte es der Landesverband vor Sonntag erst zweimal ins Parlament geschafft. Im Osten fehlt den Grünen traditionell der Rückhalt und in Mecklenburg-Vorpommern noch dazu die urbane Wählerschaft, die sie anderswo trägt: Rostock ist die einzige Großstadt des Bundeslandes.
Die Präsenz im Osten erhöht
Diesmal haben die Grünen aber einen besonders großen Aufwand betrieben: Nach den verlorenen Wahlen in Brandenburg und Thüringen 2024 hatte die Bundespartei umgesteuert und die Präsenz in den ostdeutschen Ländern erhöht. Der kleine Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern erhielt zusätzliche Mittel und Know-How, Mitglieder aus anderen Bundesländern reisten als Wahlkampfhelfer*innen an. Das gute Grünen-Ergebnis in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen machte Hoffnung auf zusätzlichen Rückenwind.
Die Rahmenbedingungen waren hier im Norden aber schwieriger. In Sachsen-Anhalt kam die regierende CDU schon im Wahlkampf nicht gegen die AfD an. Dass potenzielle Grünen-Wähler*innen zur Union wechseln würden, um die Rechtsextremen als stärkste Kraft zu verhindern, war unwahrscheinlich. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen regiert in Person von Manuela Schwesig eine populäre Ministerpräsidentin. In den Umfragen brachte sie ihre SPD auf den letzten Metern auf Augenhöhe mit der AfD und auf Plakaten warb sie mit dem Spruch: Die Frau gegen Blau.
Wenig Rücksicht nahm sie damit auf die Nöte der Parteien in der Nähe der 5-Prozent-Hürde – neben den Grünen auch die CDU. Tatsächlich verloren die Grünen vor allem an die SPD, von der CDU wanderten etwa gleich viele Wählenden zur AfD wie zur SPD ab.
Die Grünen hielten wie schon in Sachsen-Anhalt mit einem taktischen Argument dagegen: Auch hier drohten ohne sie eine rechtsextreme Regierung oder zumindest unfassbare komplexe Mehrheitsverhältnisse. Die Organisation Campact startete mit der gleichen Begründung eine Unterstützungskampagne für die Grünen. Das wiederum sorgte bei der Linken für schlechte Laune, die in Umfragen stabil über 5 Prozent stand und nun Verluste an die Grünen befürchtete – die aber laut einer ersten Wählerwanderungsanalyse nicht eintraten.
Mehrheit für Rot-Rot-Grün zunächst unsicher
Miese Stimmung also gleich zum möglichen Start einer rot-rot-grünen Koalition, die mit Blick auf die erste Prognose am frühen Abend die wahrscheinlichste Variante war – unter der Annahme, dass die Grünen im Parlament sind. In späteren Hochrechnungen wurde dann aber auch noch unsicher, ob SPD, Grüne und Linke in dem Fall eine Mehrheit hätten.
Für Spitzenkandidatin Claudia Müller entscheidet das Wahlergebnis auch über die persönliche Zukunft
Für Parteichefin Brantner und Spitzenkandidatin Müller geht das Zittern also auch nach 19 Uhr weiter. Für Letztere entscheidet das Wahlergebnis auch über die persönliche Zukunft: Regieren die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern mit, rückt Müller wahrscheinlich ins Kabinett. Regierungserfahrung hat sie aus dem Bund, in der Ampel-Koalition war sie Staatssekretärin unter Cem Özdemir im Landwirtschaftsministerium. Fallen die Grünen aus dem Landtag, könnte es für Müller dagegen in Berlin weitergehen: Dort hat sie ein Bundestagsmandat, als einzige Grünen-Abgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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