Maïssa (18) verlor Auge bei Demo: «Das habe ich nicht verdient»

- Die 18-jährige Maïssa verliert in Mulhouse (F) ihr linkes Auge, nachdem sie von einer Tränengasgranate getroffen wurde.
- Sie geriet zufällig in eine Demonstration und fordert nun ein Verbot solcher Granaten.
- Der Polizist ist nicht identifiziert, ihr Anwalt Pierre Brunisso verlangt seine Suspendierung.
«Das habe ich nicht verdient»: Die 18-jährige Maïssa verlor ihr linkes Auge, nachdem sie in Mulhouse im Osten Frankreichs zufällig in eine Demonstration geraten und von einer Tränengasgranate getroffen worden war.
Am Freitag empfingen mehrere Abgeordnete der Partei La France insoumise die Studentin. Sie befassen sich in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit den Ereignissen vom 17. Oktober. Maïssa fordert ein Verbot solcher Granaten.
Plötzlich stand sie mitten in einer Demo
Eigentlich wollte sie sich nicht an den Protesten beteiligen. Sie war nach Mulhouse gekommen, um Freundinnen zu treffen. «Wir waren einkaufen, etwas essen und standen plötzlich mitten in der Demonstration», erinnert sie sich. Aus Neugier seien sie geblieben. «Die Leute sangen und tanzten, es lief Musik von Michael Jackson. Dort waren ganz unterschiedliche Menschen: Rollstuhlfahrer, Mütter mit Kinderwagen und Kinder. Die Stimmung war gut.»
«Dann traf mich plötzlich etwas am Auge. Als ich die Hand wegnahm, sah ich Blut. Da wusste ich, dass es ernst war.»
Den Abschuss der Granate habe sie nicht bemerkt; Warnungen oder Aufforderungen habe sie ebenfalls nicht gehört. «Ich habe nichts gehört, dann traf mich plötzlich etwas am Auge – ein stechender Schmerz. Als ich die Hand wegnahm, sah ich Blut. Da wusste ich, dass es ernst war», erzählt sie.
Leben hat sich schlagartig verändert
Drei Wochen später trägt Maïssa noch immer einen Verband und eine Schutzschale aus Kunststoff. Sie musste zweimal operiert werden, eine Operation fand an ihrem 18. Geburtstag statt. Nach eigenen Angaben erlitt sie einen Bruch des Augenhöhlenbodens.
Die Erstsemesterstudentin für Angewandte Fremdsprachen mit Englisch und Deutsch wird auf dem linken Auge nie wieder sehen können. «Die ersten Tage waren sehr hart. Ich bin jeden Morgen aufgewacht und habe geweint. Inzwischen kann ich die Situation etwas besser akzeptieren», sagt sie.
«Ich versuche trotzdem, rauszugehen – auch wenn die Blicke anderer Menschen schwer auszuhalten sind.»
Ihr Leben habe sich an diesem Tag schlagartig verändert. «Niemand verdient so etwas. Ich versuche trotzdem, rauszugehen – auch wenn die Blicke anderer Menschen schwer auszuhalten sind», zitiert France Info die junge Frau.
Maïssa setzt sich jetzt gegen Tränengasgranaten ein
Wegen chronischer Erschöpfung und wiederkehrender Migräne wird sie in diesem Jahr weder an die Universität zurückkehren noch an Demonstrationen teilnehmen. Sie habe Angst, auch ihr zweites Auge zu verlieren. Zwar sei sie bislang keine Aktivistin gewesen, doch seit dem Vorfall wolle sie sich engagieren.
«Man muss anfangen, junge Menschen ernst zu nehmen. Ich wünsche mir, dass sich etwas ändert und diese Waffen abgeschafft werden. Sie verursachen Schäden, die nicht rückgängig zu machen sind», betont Maïssa.
War der Schuss regelkonform?
Auch ihre Mutter richtet schwere Vorwürfe an die Polizei. «Ich möchte, dass Gerechtigkeit geschieht: dass die Person gefunden wird, die ihr das angetan hat, und nicht weiter im Dienst bleibt. Für meine Tochter und für alle anderen, denen so etwas passieren könnte. Das wäre ein grosser Sieg.»
Bislang konnte die Untersuchungskommission den Beamten, der das Projektil abgefeuert haben soll, nicht identifizieren. Laut Maïssas Anwalt Pierre Brunisso ist der Schuss nicht regelkonform abgegeben worden. «Der Polizist hat gezielt und auf direkter Flugbahn geschossen. Wir fordern seine Suspendierung», sagte er France Info.
Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
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