Pest-Verdacht in Sibirien – Viele Mythen zur Pest: Was sagen die Fakten?

Nach einem Vorfall in Russland werden alte Mythen zur Pest wieder lebendig. Wir ordnen drei davon ein.
Mythos 1: «Die Pest gehört ins Mittelalter und ist eigentlich ausgerottet»
Schwarzer Tod: So wird die Pest-Pandemie bezeichnet, die im 14. Jahrhundert einen Drittel der Bevölkerung Europas ausgelöscht hat. Je nach Quelle ist von 25 bis 50 Millionen Toten die Rede. Letztmals in Europa brach die Pest im 19. Jahrhundert in Frankreich aus.
Bei der Pest handelt es sich heute praktisch um dasselbe Bakterium wie im Mittelalter.
So sehr die Pest mit dem Mittelalter assoziiert wird, ausgerottet ist die Pest bis heute nicht: Die Weltgesundheitsorganisation zählt weltweit 1000 bis 3000 Fälle pro Jahr. Vor allem in der Demokratischen Republik Kongo und in Madagaskar komme die Pest noch heute vor, erklärt SRF-Wissenschaftsredaktorin Gina Buhl. Auch in den USA tauche die Pest jedes Jahr auf, im Schnitt seien es sieben Fälle.
Was müssen wir zu dieser Erkrankung wissen? Gina Buhl aus der SRF-Wissenschaftsredaktion erklärt:
«Die Lungenpest ist eine schwere Form der Pest. Sie führt zu einer schweren Lungenentzündung, die von einem Bakterium (Yersinia pestis ) ausgelöst wird.
Das Besondere: Dieses Bakterium kann ganz unterschiedliche Krankheiten auslösen, je nachdem, wo es im Körper landet. Landet es etwa in den Lymphknoten, vermehrt es sich dort so stark, dass diese anschwellen. So entstehen die Beulen, die man von der Beulenpest kennt und extrem schmerzhaft sind
Landen die Bakterien in der Lunge, entsteht die viel seltenere, aber auch viel gefährlichere Lungenpest. Unbehandelt kann sie innerhalb von ein bis zwei Tagen zum Tod führen.
Bei der Lungenpest dauert es von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen nur ein bis drei Tage. Dann kommt es zu Symptomen wie Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Atemnot und teilweise auch zu blutigem Husten.»
Bei der Pest handelt es sich heute praktisch um dasselbe Bakterium wie im Mittelalter. Das zeigt eine spektakuläre Untersuchung aus Grossbritannien. Gina Buhl erklärt: «In London gibt es einen Friedhof, auf dem im Mittelalter Pesttote begraben wurden. Ein Forschungsteam hat aus den Zähnen Erbgut des Bakteriums gewonnen und daraus den mittelalterlichen Erreger rekonstruiert. Dann haben sie ihn mit den heutigen Stämmen verglichen und keine einzige Stelle gefunden, die ihn unterscheidet.»
Die Pest ist weniger ansteckend, als gedacht.
Damit wurde eine lang diskutierte Vermutung widerlegt, sagt Buhl: dass die Pest damals von einem besonders aggressiven Bakterium verursacht wurde, das es heute so gar nicht mehr so gebe.
Dass die Pest nie verschwunden ist, hat mit Tieren zu tun: Es gebe weltweit Gebiete, in denen wilde Nager die Pestbakterien über ihre Flöhe weitergeben: Sie steckten sich gegenseitig immer weiter an, Generation um Generation, erklärt Buhl. Das könne jahrzehntelang unbemerkt so laufen. Solche Gebiete gebe es praktisch überall auf der Welt. Frei davon seien nur Australien und die pazifischen Inseln.
Mythos 2: «Die Pest ist ultra-anstreckend»
Die Pest ist weniger ansteckend, als gedacht: «Man muss einer erkrankten Person wirklich nahe kommen, übertragen wird die Pest dann über Tröpfchen, etwa beim Husten», sagt Buhl. Das klingt erst mal wie bei vielen Atemwegserkrankungen, aber in zwei Punkten verhalte sich die Lungenpest entscheidend anders:
Eine 28-jährige Wissenschaftlerin des Instituts für Pest-Bekämpfung im sibirischen Irkutsk ist letzten Freitag in einem nahegelegenen Spital gestorben. Spekulationen zufolge soll sie sich mit dem Erreger der Lungenpest infiziert haben, womöglich bei einem Laborunfall.
Berichten zufolge befinden sich rund 200 Personen in Quarantäne. Die für Seuchenbekämpfung zuständige Behörde dementiert sowohl Berichte zu einem Laborunfall als auch zu einer Pestinfektion. Als Todesursache wird eine Lungenentzündung genannt, ohne Angabe zum Erreger.
Die WHO verlangt weitere Informationen und hat Russland Hilfe angeboten.
Erstens: Man steckt niemanden an, bevor Symptome auftreten. Bei Corona war das der Knackpunkt, sagt Buhl: «Wir liefen tagelang ahnungslos herum und infizierten andere. Wer bei der Lungenpest ansteckend ist, ist sichtbar krank.»
Dass Antibiotika wirken, ist keine Selbstverständlichkeit.
Zweitens: Es braucht wirklich engen Kontakt, weil die Bakterien nicht so weit fliegen: «Als gefährdet gilt, wer weniger als zwei Meter Abstand hatte, also wer im selben Haushalt lebt oder direkt angehustet wurde», so Buhl.
Mythos 3: «Die Ansteckung ist ein Todesurteil»
Eigentlich ist die Behandlung einfach: Die Pest wird durch Bakterien übertragen, dagegen gibt es Antibiotika, sagt Gina Buhl. Der Haken: Es müsse sehr schnell gehen und die knappe Zeit könne zum Verhängnis werden. «Die Symptome müssen erkannt, die Pest diagnostiziert und behandelt werden», sagt Buhl. Laut der Weltgesundheitsorganisation weist die Lungenpest eine Sterblichkeit von nahezu 100 Prozent auf, wenn nicht sofort behandelt wird.
Dafür gebe es drei Gründe, ordnet SRF-Wissenschaftsredaktorin Gina Buhl ein:
- Russland will wissen, was in den natürlichen Pestherden los ist. Davon gibt es elf. Forschende fangen darum Nager ein und untersuchen sie auf den Erreger. Wenn in einer Region plötzlich viele Murmeltiere sterben, ist das quasi ein Warnsignal: Der Erreger ist aktiv.
- Antibiotikaresistenzen, für Buhl der wichtigste Grund: Dass die Pest heute behandelbar ist, gilt nur so lange, wie die Antibiotika wirken. Bei früheren Ausbrüchen sind bereits Peststämme aufgetreten, die gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig resistent waren. Deshalb müsse laufend geprüft werden, welche Stämme zirkulieren.
- Es gibt bis heute keinen breit einsetzbaren Impfstoff. Empfohlen wird eine Impfung nur für Risikogruppen, zum Beispiel für das Laborpersonal.
Noch etwas relativiert das vermeintlich einfache Rezept: «Dass Antibiotika wirken, ist keine Selbstverständlichkeit. Bei früheren Pest-Ausbrüchen sind bereits Erregerstämme aufgetreten, die gegen mehrere Antibiotika resistent waren», sagt Buhl. Deshalb werde laufend geprüft, welche Stämme zirkulieren.
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