Problemposition beim DFB: Popps riesiges Erbe als "eierlegende Wollmilchsau"

Wenn sich der Bundestrainer eine Stürmerin backen könnte, bräuchte er ganz schön viele Zutaten. Sein Wunschtraum ist eine vielschichtige Spielerin für das DFB-Team. Tordebütantin Melissa Kössler kann für sich werben - und dann ist da ja noch eine Langzeit-Verletzte.
Acht Tore und vier Vorlagen in sieben Spielen: Alexandra Popp stellt immer noch alle Stürmerinnen in den Schatten. Nicht mehr in der DFB-Elf und nicht mehr in der Frauen-Bundesliga, sondern in der Regionalliga West für Borussia Dortmund. Daher hinkt der Vergleich mit der deutschen oder gar Weltspitze freilich. Doch eine wie sie - davon träumt Bundestrainer Christian Wück auch zwei Jahre nach dem Abschied der langjährigen Kapitänin aus dem Nationalteam.
Denn während der Bundestrainer auf den Flügeln zwischen den Stars Klara Bühl, Jule Brand, den Topspielerinnen Vivien Endemann, Cora Zicai und Nachwuchsstar Lisa Baum wählen kann, sieht es im Sturm dürftiger aus. Das zeigt auch die aktuelle Länderspielphase, die das DFB-Team dank bereits geschaffter WM-Qualifikation für das Turnier im kommenden Jahr in Brasilien für Testspiele gegen Australien (4:2) und Japan (17.45 Uhr/ARD) nutzen kann.
Wück bevorzugt ein 4-2-3-1-System, braucht also eine "echte Neun" für sein Spiel - und hat dann auch noch große Anforderungen. "Wir brauchen eine körperlich starke Spielerin, die Bälle festmachen, verteidigen und verteilen kann, die sich im Eins-gegen-eins durchsetzen und Tore machen kann. So eine eierlegende Wollmilchsau wünscht man sich", sagt er und weiß selbst: Solche Spielerinnen sind "sehr rar gesät".
"Zweite Tor dann wirklich meins"
Nahe gekommen ist dem Profil beim Sieg gegen Australien am Freitag Melissa Kössler. In ihrem fünften Länderspiel schoss die Stürmerin, die in diesem Jahr in die USA zum Denver Summit FC gewechselt ist, ihre ersten beiden Tore für den DFB. Auch wenn sie selbst so richtig nur das zweite gelten lassen wollte - ein Weitschuss aus rund 17 Metern, den Australiens Torhüterin Mackenzie Arnold nicht festhalten konnte. Beim Tor, das nun als ihr Debüttor in die Geschichte eingeht, fühlte sie sich als Diebin. "Das erste Tor tat mir ein bisschen leid. Ich weiß nicht, ob ich es Franzi (Kett, Anm.d.Red.) geklaut habe. Ich hoffe nicht", denn sie bugsierte den Ball noch ins Tor, nachdem Arnold den Abschluss von Kett nur noch mit den Fingerspitzen berührt hatte. "Ich bin aber natürlich sehr froh, dass das zweite Tor dann wirklich meins war."
Wück lobte Kössler: "Wenn man es kurz und knapp fassen will, hat sie ihre Chance genutzt", sagte er: "Wenn man zwei Tore als Mittelstürmerin macht, wenn man so agiert in den Zweikämpfen, Bälle verteidigt und verteilt, dann ist es genau das, was wir in unserem Spielsystem brauchen. Sie wird den anderen Mittelstürmerinnen, die wir im Kader haben, gehörig Druck machen."
Wie kann eine Stürmerin erst mit 26 Jahren so in den Fokus geraten? Vor zwei Jahren war sie zuletzt fürs DFB-Team berufen worden. Nun hat Kössler in der amerikanischen Liga NWSL den nächsten Schritt machen können. 19-Mal in 23 Partien stand sie in der Startelf, schoss sechs Tore und bereitete einen Treffer vor. Topbedingungen gibt es in Denver - wo unter anderem Ski-Superstar Mikaela Shiffrin als Investorin auftritt: "Wir haben eine neue Trainingsstätte, ein neues Stadion, haben alle möglichen Recovery-Möglichkeiten - man fühlt sich einfach sehr wertgeschätzt." Das Spiel in den USA ist schneller als in der Bundesliga, wo Kössler zuletzt bei der TSG Hoffenheim unter Vertrag stand. Sie muss robuster sein, das kommt ihrem Stil entgegen.
Blick raus aus der Bundesliga
Überhaupt muss der Bundestrainer inzwischen weit über den Bundesliga-Tellerrand hinausschauen. Eben in die USA - vor allem aber auch nach England. Dort spielen die beiden ärgsten Konkurrentinnen von Kössler: Lea Schüller bei Manchester United und Nicole Anyomi bei den London City Lionesses. Wobei spielen so eine Sache ist - es mangelt beiden an Einsatzzeit. Schüller war nach Popps DFB-Abschied zunächst die erste Wahl, verlor während der EM 2025 aber erst im DFB-Team ihren Stammplatz und dann auch beim FC Bayern, ehe sie nach England wechselte, sich dort aber schwertut. Auch im DFB-Team läuft es weiter nicht rund. Die Finalspiele der Nations League gegen Spanien verpasste sie aus familiären Gründen, bei der aktuellen Länderspielphase reiste die 28-Jährige wegen eines Infekts ab.
Anyomi ist ebenfalls neu in England, wohin sie von Eintracht Frankfurt wechselte - und spielt im aufstrebenden Superteam nur eine untergeordnete Rolle. In drei Spielen der Women's Super League wurde sie jeweils erst in der Schlussphase eingewechselt - gegen Charlton Athletic schoss sie ihr erstes Tor. Zeigen was sie drauf hat, konnte die physisch starke Stürmerin bislang also noch nicht wirklich. Im DFB-Trikot läuft es für sie seit jeher oft unglücklich - so auch gegen Australien: eingewechselt, dicke Torchance vergeben.
Wück nominierte mit Shekira Martinez noch eine weitere England-Legionärin von Tottenham Hotspur nach, scheint von ihr aber nicht total überzeugt. Mit der erkrankten Larissa Mühlhaus und Laura Freigang stehen zwei Stürmerinnen von Eintracht Frankfurt zur Auswahl, die beide eher auf der Zehn eingeplant werden würden. Über Freigang schwebt zudem das Damoklesschwert, weil ihr laufendes Dopingverfahren noch offen ist.
Hoffen auf eine Langzeit-Verletzte
Es sind also gar nicht mal so viele Optionen, die Wück hat. Er selbst setzt auf eine, die seit einem Jahr verletzt ist: "Ich hoffe, dass Giovanna Hoffmann bald zurückkommt, weil sie genau das verkörpert." Die Stürmerin hatte Schüller während der EM verdrängt und mit den von Wück geforderten Attributen überzeugt, sich dann allerdings ihren zweiten Kreuzbandriss zugezogen. Der VfL Wolfsburg verpflichtete die 27-Jährige trotzdem - ihr Debüt steht allerdings noch aus. Ende Juli hatte sie erneut am Knie operiert werden müssen.
Bleibt also Kössler als Gewinnerin des ersten Spiels. Offiziell sagte Wück zwar, es sei "kein Casting für die WM", gleichwohl erklärte er: "Aber natürlich ziehen wir unsere Rückschlüsse: wie sie sich mit und gegen den Ball verhalten, wer mit welcher Mitspielerin harmoniert, wie Drucksituationen gegen solche Gegnerinnen gemeistert werden." Gegen Japan ist in Bremen vor Heimpublikum noch einmal Testen und Einspielen angesagt, im Frühjahr wird es dann bereits ernst. Vor der WM steht die Nations League an, bei der es um die Plätze für das Olympia-Turnier 2028 in Los Angeles geht. Auch Alex Popp wird ein Auge werfen, was ihre Nachfolgerinnen liefern können.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.