«Irgendwas ist schiefgelaufen»: 8 Gründe für die Eskalation

- «Le Monde» analysiert, warum die Proteste in Frankreich am Wochenende derart eskalieren konnten.
- Randalierer gelangten bis auf 300 Meter an den Pariser Élysée-Palast heran.
- Laut der Zeitung kamen mehrere Faktoren zusammen, darunter eine unterschätzte Teilnehmerzahl.
«Irgendetwas ist schiefgelaufen. Es ist unvorstellbar, dass Gruppen dem Élysée-Palast so nahe kommen konnten», sagt ein Pariser Polizist gegenüber der Zeitung «Le Monde». Bis Samstag sei für ihn kaum vorstellbar gewesen, dass Randalierer bis auf 300 Meter an den Amtssitz von Präsident Emmanuel Macron gelangen könnten.
Die französische Zeitung geht der Frage nach, weshalb die Proteste am vergangenen Wochenende derart eskalieren konnten. Nach Einschätzung von «Le Monde» kamen dabei mehrere Faktoren zusammen. Die wichtigsten im Überblick:
Die Teilnehmerzahl wurde unterschätzt
Die französischen Nachrichtendienste konnten offenbar nur schwer einschätzen, wie stark sich die Mobilisierung in den sozialen Netzwerken tatsächlich auf die Strasse übertragen würde. In mehreren Städten waren zeitweise zu wenige Polizisten im Einsatz. Laut «Le Monde» standen den Sicherheitskräften teils nur zwölf Beamte pro 100 Demonstrierende gegenüber.
Zu viele Brennpunkte gleichzeitig
Statt eines einzelnen Demonstrationszugs entstanden zahlreiche Konfliktherde. In Lyon etwa war keine Demonstration offiziell angemeldet, dennoch versammelten sich grosse Gruppen.
Die Randalierer operierten in kleinen, mobilen Gruppen. So konnten sie zuschlagen, sich auflösen und andernorts erneut formieren. Auch Innenminister Laurent Nuñez bezeichnete dies als zentrales Problem.
Keine klassische Demonstrationsstruktur
Ein Teil der Menschen bewegte sich in Paris ausserhalb der angemeldeten Demonstrationszüge. Die Routen der offiziellen Kundgebungen waren erst am Vorabend mit den Behörden ausgehandelt worden.
Zudem konnten sich Teilnehmer kurzfristig über soziale Medien verabreden und Treffpunkte rasch wechseln.
Unterschiedliche Gruppen waren gleichzeitig unterwegs
Schüler, Studierende, Gewerkschafter, Gelbwesten, politische Aktivisten und weitere Demonstrierende waren gleichzeitig auf den Strassen. Das erleichterte es Gewalttätern, in der Menge unterzutauchen. Präventive Eingriffe wurden dadurch schwieriger.
Die Polizei musste mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen
Die Sicherheitskräfte mussten Demonstrationen begleiten, Gewalttäter stoppen, wichtige Gebäude wie den Präsidentenpalast oder Ministerien schützen, Plünderungen verhindern und Festnahmen durchführen.
Dies nutzten die Plünderer offenbar aus: Während Polizeieinheiten an anderen Brennpunkten gebunden waren, griffen sie Geschäfte an.
Die Gewaltbereitschaft könnte unterschätzt worden sein
Die Behörden hatten zwar mit Ausschreitungen gerechnet, offenbar jedoch nicht mit deren tatsächlicher Intensität.
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Rechtliche Grenzen schränkten die Polizei ein
Die Polizei kann eine Menschenmenge laut «Le Monde» nicht beliebig präventiv auseinandertreiben. Grundsätzlich gelten Warnpflichten sowie die Anforderungen an Notwendigkeit und Verhältnismässigkeit beim Einsatz von Gewalt.
Zudem waren offenbar nicht alle eingesetzten Kräfte gleich stark für die Kontrolle von Menschenmengen ausgebildet. Neben CRS und mobilen Gendarmerieeinheiten setzt Frankreich weitere Polizeikräfte ein, deren Ausbildung und Einsatzweise sich unterscheiden.
Hat die Polizeitaktik die Lage teilweise verschärft?
«Le Monde» wirft schliesslich die Frage auf, ob Absperrungen und der Einsatz von Tränengas zusätzliche Konfrontationen begünstigt haben könnten. Vertreter der Linken erheben diesen Vorwurf gegen die Behörden. Die Regierung hingegen weist die Verantwortung ausschliesslich den Gewalttätern zu.
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Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
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