Ernährungsinitiative – Angebot, Prägung, Werbung: Warum wir essen, was wir essen

Es geht um die Wurst: Im Abstimmungskampf zur Ernährungsinitiative vom 27. September wird auch über die Freiheit auf dem Teller gestritten. Gegner warnen vor einem «Vegan-Zwang» und befürchten Nachteile für Fleisch, Eier oder Milchprodukte. Die Initianten entgegnen, sie wollten lediglich die Produktion pflanzlicher Lebensmittel stärken und damit die Versorgungssicherheit erhöhen.
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Bild 1 von 2. Flyer der Ernährungsinitiative-Gegner. Sie wollen sich die Freiheit der Essenswahl nicht nehmen lassen, die es so gar nicht gibt. Bildquelle: KEYSTONE/Anthony Anex.
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Bild 2 von 2. Das Ja-Komitee der Ernährungsinitiative will mehr pflanzliche Lebensmittel produzieren und weniger tierische. Bildquelle: KEYSTONE/Anthony Anex.
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Aus ihrer Sicht bevorzugt der Bund schon heute die Herstellung und den Konsum tierischer Produkte. Die Abstimmung dreht sich damit auch um die Frage, welche Ernährungsformen politisch begünstigt werden, und letztlich darum, wer bestimmt, was wir essen.
Wer hat also recht? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Weder schliesst die Initiative beispielsweise Fleisch oder Milch als Lebensmittel aus, noch bevorzugt der Bund durch seine Landwirtschaftspolitik ausschliesslich die Fleisch- und Milchwirtschaft. Wichtige Fragen ergeben sich aus der Debatte jedoch allemal.
Wie frei entscheiden wir?
Über 200 Essensentscheidungen träfen wir jeden Tag, erklärt Irene Held, die Präsidentin des Verbands Ernährungspsychologischer Beraterinnen. Die allermeisten unbewusst und somit auch fremdbestimmt, mit dem Bauch und nicht mit dem Kopf.
Zudem seien wir von klein auf in unseren Essensentscheidungen und im Verhalten geprägt von unzähligen Erfahrungen. Auch diese Prägungen steuern uns: etwa das Bauchgefühl, der Hunger, die Lust, die Eltern, Körperideale, das eigene Verhältnis zum Essen, die Tageszeit, das Geld, die Arbeit. Und doch hätten wir vielfach das Gefühl, wir seien frei in dem, was wir essen.
Held zählt weitere Einflussfaktoren auf: «Lebensmittelindustrie, Detailhändler, Importregeln der Schweiz». Hunde- und Katzenfleisch würde man in der Schweiz beim Einkauf nicht im Regal finden, sagt sie. Man sei also nicht frei bei der Wahl, was man essen wolle.
Weiter würden auch das soziale Umfeld, Kultur, Traditionen, der Lebensort, Religion, Ethik und Moral, Gesundheitsempfehlungen, eine Krankheit, Unverträglichkeiten und vor allem das Angebot unser Essverhalten beeinflussen.
Welche Rolle spielen Angebot und Werbung?
Der Mensch könne nur aus dem wählen, was im Angebot sei, sagt Held. Diese Auswahl würden zum Beispiel die Politik mit Importbestimmungen, die Jahreszeit, das Kundenbedürfnis, die Lebensmittelkonzerne, die Bauern, das Wetter, der Detailhandel beeinflussen. Auch das Angebot sei fremdbestimmt.
«Die Werbung prägt uns, sie veranlasst uns, Essensentscheidungen zu treffen», sagt Held. Oft würden wir solche Entscheidungen unbewusst treffen. Werbung beeinflusse uns mehr, als wir uns dessen bewusst seien, sagt auch Mathias Stalder. Er ist Gründer des Netzwerks «Stadt ernähren» in Biel und möchte dort ein lokales und nachhaltiges Ernährungssystem entwickeln.
Wir hätten bei unseren Essensentscheidungen nur das Gefühl, dass wir frei seien, so Stalder. Denn wo Freiheit draufstehe, sei oft Unfreiheit drin. «Das läuft sehr gut für die Lebensmittelkonzerne, aber nicht unbedingt für uns.» Denn nur wenige riesige Konzerne würden uns mit ihren Produkten beliefern.
Ist die gefühlte Freiheit letztlich eine Selbsttäuschung? «In gewissen Graden ja», sagt Held. Sie definiert die Freiheit wie wir essen so: Sei sich der Mensch im Klaren, dass er gesteuert werde, dann könne er selbstbestimmt entscheiden, was er esse. «Das ist das Freie an unserem Essverhalten.»
Abstimmungsdossier
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Hier finden Sie News und Hintergründe zu den Abstimmungen vom 27. September 2026.
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