Jung, digital, skrupellos – Gefährliche «Gen-Z-Mafia» macht Basel zum Hotspot

Die Tolhildan handeln mit Waffen und mit Kokain, erpressen Schutzgeld und betreiben illegales Glücksspiel. Konflikte mit verfeindeten Gruppen werden mit Gewalt gelöst.
Auf Social Media zeigen sich die Mitglieder offensiv, posieren mit Waffen. SRF Investigativ deckt mit den Tolhildan die neue Generation der «Gen-Z-Mafia» in der Schweiz auf.
In Basel traf sich die Gruppierung in einem Kellerlokal und nutzt eine Wohnung, gelegen an einer ruhigen Quartierstrasse. Es ist die Meldeadresse des mutmasslichen Anführers S.*
Ehemalige Guerilla-Kämpfer
Er und weitere Tolhildan-Mitglieder sind den Strafverfolgungsbehörden bekannt. Zudem stehen sie der kurdischen Untergrundorganisation PKK nahe. Wie viele Mitglieder Tolhildan hat, bleibt vage.
Ihr politischer Hintergrund mache die Tolhildan gefährlicher als andere Mafia-Gruppen – ehemalige PKK-Kämpfer seien an der Waffe ausgebildet, sagt Investigativjournalist Cevheri Güven: «Die Gruppe geht deshalb über das hinaus, was man üblicherweise unter organisierter Kriminalität versteht.»
Güven kennt die Tolhildan bestens, er berichtet seit Jahren über die Mafia in seinem Heimatland Türkei. Mittlerweile lebt er unter Polizeischutz im deutschen Exil.
Zwei Gangs, ein Chef?
Seit spätestens diesem Sommer arbeiten die Tolhildan mit den international berüchtigten Daltons zusammen, einer einstigen Strassengang aus Istanbul. Diese erschüttern seit Monaten mit Anschlägen auf Ladenlokale deutsche Städte wie Berlin und Mannheim oder das Bundesland Nordrhein-Westfalen.
Das Bundesamt für Polizei Fedpol bestätigt die Recherche von SRF Investigativ. «Die Zusammenarbeit der beiden Gruppierungen ist uns bekannt, es gibt sie auch in der Schweiz punktuell», sagt Markus Gisin, Chef der Bundeskriminalpolizei.
Die kriminelle Gruppierung ist nach den tollpatschigen Comic-Bösewichten aus der Reihe «Lucky Luke» benannt. Sie entwickelte sich von einer Strassengang zur neuen Mafia-Generation und gilt als deren Prototyp. Die sogenannte «Gen-Z-Mafia» inszeniert ihre Taten offensiv auf Social Media. Dort rekrutiert sie auch neue Mitglieder. Diese sind oft sehr jung, teilweise minderjährig.
Den Daltons werden in der Türkei und Deutschland unter anderem Schutzgelderpressung, Waffen- und Drogenhandel, sowie andere Delikte aus dem Bereich der organisierten Kriminalität vorgeworfen.
Nach einer stärkeren Strafverfolgung in der Türkei flohen viele ranghohe Mitglieder nach Westeuropa. Ihr Anführer sitzt mutmasslich in Russland und steuert von dort aus die Gruppe. Dadurch entzieht er sich in der Türkei einer hohen Gefängnisstrafe.
In den deutschen Bundesländern Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen beschäftigen die Daltons die Strafverfolgungsbehörden stark. Seit Monaten verübt die Gruppierung fast täglich Anschläge auf Ladenlokale.
Die Zusammenarbeit der Tolhildan und Daltons ist nicht zufällig: Beide Gangs sollen von demselben mutmasslichen kurdisch-türkischen Drogenboss gesteuert werden, «Siirtli Naci». Der Mann hinter dem Spitznamen gilt als wichtiger Player auf Europas Kokainmarkt. Laut Medienberichten sucht ihn Interpol seit Jahren.
Hochzeit oder ein internationales Mafia-Treffen?
SRF Investigativ liegt ein Social-Media-Post aus dem Jahr 2024 vor. Auf diesem ist ein internationales Tolhildan-Treffen zu sehen. Von der Schlaufe eines Blumenkranzes grüsst «Siirtli Naci». In der Mitte des Fotos sitzt der mutmassliche Schweizer Anführer S.
Entstanden ist das Foto in einem Restaurant im Kanton Aargau. «Siirtli Naci ist der Anführer des Kartells. Das gibt der Gruppe enorme Macht. Die Konkurrenten der Tolhildan verstehen dadurch, dass die Tolhildan nicht allein sind, dass sie keine kleine Gruppe sind», schätzt Investigativjournalist Güven die Bedeutung ein.
SRF Investigativ erreicht S. telefonisch und konfrontiert ihn mit dem Treffen im Aargau. Er sagt, «Siirtli Naci» sei ein Verwandter, der ihm zur Hochzeit gratuliert habe. In der Türkei sei er als wohltätiger Geschäftsmann geschätzt. Die Bilder des Treffens zeigen jedoch nur Männer – und keine Braut.
S. hält fest, dass er nicht kriminell sei. Er habe für die PKK gekämpft, aber 2018 mit der Untergrundorganisation gebrochen. «Die Anschuldigungen sind absurd und haltlos.»
Waffen sind nur ein paar Klicks entfernt
Auf den Spuren der Tolhildan stösst SRF Investigativ über Telegram auf mehrere «Waffenshops». Sie werden offenbar von den Daltons betrieben. «Über die sozialen Medien rekrutiert die Mafia-Gruppe einerseits neue junge Mitglieder», sagt Mafia-Kenner Güven, «andererseits dient Social Media auch der Verbreitung ihrer kriminellen Aktivitäten.»
Im Angebot sind Pistolen aus dem 3D-Drucker, mutmasslich hergestellt in der Türkei. Aber auch Kalaschnikows und ein Maschinengewehr sind zu haben. Waffenexperten schätzen diese als echt ein. Durch illegalen Waffenverkauf können unregistrierte Schusswaffen ohne staatliche Kontrolle in Umlauf gelangen. Dies gefährdet die öffentliche Sicherheit.
Wir sehen hier eine hohe Gewaltbereitschaft
Die Daltons beschäftigen sogar Mediensprecher. Einer nimmt zu den Vorwürfen schriftlich Stellung: «Sämtliche Informationen und Behauptungen sind falsch.» Die Daltons seien nicht in der Schweiz aktiv und würden auch nicht mit «Siirtli Naci» zusammenarbeiten.
Nach kurzer Zeit sind die Waffenshops jeweils wieder verschwunden, neue ploppen auf. Auch Social-Media-Profile von Gang-Mitgliedern werden gelöscht und neue registriert. Die Dynamik ist gross, das neue Mafia-Phänomen schwer zu fassen.
SRF Investigativ hat über mehrere Monate öffentliche Social-Media-Profile und Inhalte ausgewertet. Mehrere Journalistinnen und Journalisten arbeiteten an der Recherche. Aus Sicherheitsgründen werden nicht alle namentlich genannt. Das Team konnte Dokumente sichten, sowie viele vertrauliche Gespräche führen. Hinter den Erkenntnissen stehen immer mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen.
Die Strafverfolgung sei eine Herausforderung, heisst es bei der Bundeskriminalpolizei. «Oft steuern Personen im Ausland das Geschehen», sagt deren Chef Markus Gisin. «In der Schweiz wird der Transport oder die Logistik vorgenommen. Wir arbeiten daher sehr eng mit den ausländischen Partnerbehörden, insbesondere mit Europol, zusammen.»
Die Gruppierungen sind auch ein Risiko für die Sicherheit im öffentlichen Raum: «Konflikte zwischen verfeindeten Gruppen werden teilweise mit Schusswaffen ausgetragen, wir sehen hier eine hohe Gewaltbereitschaft.» Die Waffen würden gezielt gegen Konkurrenten eingesetzt. «Dies kann aber auch unbeteiligte Dritte gefährden», so Gisin weiter. Konkrete Fälle nennt er nicht. Ob auch die Tolhildan involviert sind, konnte SRF Investigativ nicht verifizieren.
Gefahr für die Gesellschaft
Journalist Güven warnt: «Die Behörden in der Schweiz, Deutschland und der Türkei müssen zusammenarbeiten, um dieser Gruppierung beizukommen – andernfalls destabilisieren sie die europäische Gesellschaft.»
*Name der Redaktion bekannt
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