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Tuesday, October 27, 2026

Wahlen in Israel: Netanjahu, Eisenkot und die Suche nach Identität

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Sie sind nicht zu übersehen: Wer mit dem Zug in die Außenbezirke der westisraelischen Stadt Sderot kommt, blickt auf riesige Wahlplakate.

Vor den Wahlen an diesem Dienstag in Israel werben sie mit eindringlichen Slogans, unter anderem für den rechtsgerichteten Likud und die rechtsextreme Partei Otzma Yehudit.

Ein Plakat ist jedoch häufiger zu sehen als alle anderen: das der liberalen Partei Jaschar von dem ehemaligen Generalstabschef der israelischen Armee Gadi Eisenkot.

Israel Sderot 2026 | Wahlwerbung für Gadi Eisenkot | Werbetafeln
"Einer von uns": Wahlplakat von Netanjahus Herausforderer Gadi Eisenkot in der israelischen Stadt SderotBild: Felix Tamsut/DW

Ihr Slogan "Rosh Memshala Dialna" verbindet den hebräischen Begriff für "Ministerpräsident" mit den marokkanisch-arabischen Worten für "einer von uns".

Und es gibt einen guten Grund dafür, dass sich Eisenkots Wahlkampf in Sderot und anderen Städten an Israels sozioökonomischer und politischer Peripherie auf seine marokkanischen Wurzeln konzentriert. 

Sderot, Heimat marokkanisch-jüdischer Kultur

Sderot liegt in der Wüste Negev, etwa 75 Kilometer südlich von Tel Aviv und nur rund einen Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt. In der Stadt gibt es eine große Community marokkanischer Juden.

In den vergangenen Jahrzehnten ist Sderot zu einem Symbol der marokkanisch-jüdischen Kultur in Israel geworden, die sich in Musik, Film und auch in der Staatspolitik widerspiegelt.

Historisch gilt Sderot als Hochburg der israelischen Rechten und insbesondere als eine Bastion des Likud von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Bei der Wahl 2022 erhielt die Partei dort mehr als 40 Prozent der Stimmen, verglichen mit 23 Prozent landesweit.

Netanjahus letzte Runde? – Israel vor der Wahl

Europäische oder nordafrikanische Herkunft?

Dieses Muster spiegelt tiefere historische Spaltungen innerhalb Israels wider: zwischen den Aschkenasim, also Juden europäischer Herkunft, und den Misrachim, Juden mit Wurzeln vor allem im Nahen Osten und in Nordafrika.

Schätzungen zufolge ist etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels misrachischer Herkunft, was rund vier Millionen Menschen entspricht.

Misrachische Juden waren seit den frühen Jahren des israelischen Staates häufig Diskriminierung und Vernachlässigung ausgesetzt. Diese Ungleichheiten prägen bis heute die wirtschaftliche und soziale Realität Israels sowie den politischen Diskurs.

Eisenkot: Bekenntnis zur marokkanischen Herkunft

Doch in diesem Wahlkampf erhält dieses Thema besondere Aufmerksamkeit. Gadi Eisenkot, Netanjahus wichtigster Herausforderer, ist marokkanischer Herkunft und wuchs in Eilat auf, einer Stadt mit einer großen nordafrikanisch-jüdischen Bevölkerung.

Eisenkots Partei Jaschar warf dem Likud vor, seine misrachischen Politiker an den Rand zu drängen. Mit dem Wahlslogan "Netanjahu: Lasst die Misrachim Interviews geben", machte die Partei auf dieses Versäumnis aufmerksam.

Im Live-Fernsehen behauptete der rechtsgerichtete Journalist Yinon Magal, einer der lautstärksten Unterstützer Netanjahus, Eisenkot werde von einer elitären aschkenasischen Gruppe kontrolliert, und bezeichnete ihn als "Affen". Netanjahu, der europäischer Herkunft ist, verurteilte diese Äußerung.

Doppelte Identität und Diskriminierung

Der in Marokko geborene Daniel Ben-Simon, ein preisgekrönter israelischer Journalist und ehemaliger Abgeordneter, sagte der Deutschen Welle, dass Eisenkots öffentliche Betonung seiner Herkunft möglicherweise durch Magals Äußerungen ausgelöst worden sei. Gleichwohl habe sie eine wichtige historische Bedeutung.

"Die Menschen verwenden Begriffe wie 'Dialna' normalerweise nicht mit Stolz", sagte Ben-Simon mit Blick auf Eisenkots Verwendung des arabischen Ausdrucks für "einer von uns" auf seinen Wahlplakaten. Die israelische Gesellschaft habe lange versucht, die arabischen Identitäten nordafrikanischer Juden zu verdrängen.

Gadi Eisenkot. Er trägt eine braune Mütze und eine hellgrüne Militäruniform. Im Hintergrund die Klagemauer in Jerusalem
Israelische Karriere: Gadi Eisenkot stieg in der Armee zum Generalstabschef auf. Jetzt kandidiert der marokkanisch-stämmige ehemalige Militärangehörige für das Amt des MinisterpräsidentenBild: Gil Cohen Magen/AFP/Getty Images

"Durch die Verwendung eines solchen Begriffs schafft man eine neue Identität: eine israelisch-marokkanische Identität", so Ben-Simon. "Eisenkot ist der Erste, der es ermöglicht, diese doppelte Identität offen auszudrücken und sich dabei dennoch vollständig zu Hause zu fühlen."

Israels historische Spaltung

Nach der Gründung Israels 1948 verfolgte die regierende sozialistische Partei Mapai, deren Führung überwiegend aus Aschkenasim bestand, eine diskriminierende Politik gegenüber den Mizrachim. Von den Mizrachim wurde häufig erwartet, sich zu "europäisieren", anstatt ihre eigene Kultur, ihr Erbe oder die arabische Sprache zu bewahren.

Diese Ungleichheiten hatten auch eine materielle Dimension. In den ersten Jahrzehnten des Staates erhielten europäische Einwanderer oft bessere Wohnungen und Arbeitsplätze, während viele Juden aus arabischsprachigen Ländern in sogenannte Ma'abarot (Übergangslager) geschickt wurden.

Diese befanden sich häufig in abgelegenen Regionen mit mangelhafter Infrastruktur. Viele dieser Lager entwickelten sich später zu sogenannten Entwicklungsstädten, die im Vergleich zu den zentralen Regionen Israels dauerhaft unterfinanziert blieben.

Mizrachim unterstützen Likud

Dies führte wiederum zu weit verbreiteter Armut. Sderot im Süden des Landes ist eine der bekanntesten dieser Entwicklungsstädte.

Für viele Mizrachim symbolisierte der eingeschränkte Zugang zu Arbeitsplätzen, Bildung und Infrastruktur die langjährige Ausgrenzung durch das politische Establishment.

Der Likud, der 1973 als rechtsgerichtetes Parteienbündnis gegründet wurde, nutzte diese Unzufriedenheit geschickt für sich. So trug die Unterstützung der Mizrachim für die Partei bei den Wahlen 1977 maßgeblich zum Sieg des Likud bei.

Seitdem werden Mizrachim häufig mit dem Likud in Verbindung gebracht, obwohl die Partei bislang nie einen Parteivorsitzenden mizrachischer Herkunft hatte.

Sderot: Hamas greift immer wieder an

In den vergangenen zwei Jahrzehntenwar Sderot aufgrund seiner Nähe zum Gazastreifen immer wieder Ziel von Raketenangriffen der militanten Hamas. Während des von der Hamas angeführten Terrorangriffs vom 7. Oktober 2023 wurde die Stadt besonders schwer getroffen. Mehr als 50 Menschen kamen dabei ums Leben.

Seit seit dem Angriff vor drei Jahren ist die Einwohnerzahl der Stadt um rund 5.000 Menschen auf etwa 40.000 Einwohner gestiegen. Viele junge Familien haben sich dort niedergelassen, sowohl aus ideologischer Überzeugung als auch aufgrund staatlicher Förderprogramme.

Israel Sderot 2026 | Gedenken am Ort des Hamas-Angriffs zum dritten Jahrestag. Eine Frau mit rosa T-Shirt steht vor einer Gedenkstätte in Sderot
Gedenken: Beim Angriff der Hamas auf die Stadt Sderot vor drei Jahren kamen 50 Menschen ums LebenBild: Ohad Zwigenberg/AP Photo/picture alliance

Bei einem Spaziergang durch die Stadt fällt auf, dass die sogenannte nationalreligiöse Gemeinschaft zunehmend an Einfluss gewinnt. Diese Bevölkerungsgruppe unterstützt in der Regel die rechtsextreme Partei Religiöser Zionismus von Bezalel Smotrich.

Smotrich gehört zu den wichtigsten Partnern in Netanjahus Regierungskoalition. Zwar stärken Stimmen für Smotrich und seine Partei faktisch das politische Lager Netanjahus, dennoch könnte die Likud-Partei des Ministerpräsidenten selbst in Sderot Stimmenverluste hinnehmen müssen.

Unabhängig vom Ausgang der Wahl dürfte sich die Wahrnehmung Sderots als Stadt der marokkanisch-stämmigen Juden vorerst kaum verändern. Ein Wahlsieg Eisenkots könnte eine Gelegenheit sein, die zukünftige Identität marokkanischer Juden in Israel neu zu definieren, meint Daniel Ben-Simon.

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