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Saturday, October 31, 2026

Deutschlands erste Jüdische Akademie - zwischen Tradition und Moderne

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Es ist der typische Schlussspurt eines Großprojekts: Im Gebäude herrscht geschäftiges Treiben, vor dem Haus wartet der Rollrasen auf seinen Einsatz. Doch längst entfaltet das Ensemble seine Wirkung über die eigenen Mauern hinaus und prägt das Straßenbild.

Am Montag (2. November) eröffnen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, in Frankfurt am Main die "Jüdische Akademie". Mit diesem Projekt setzt die jüdische Gemeinschaft einen Akzent, der bundesweit ausstrahlen soll. Seit Gründung der Bundesrepublik wurden wichtige gesellschaftliche Entwicklungen von Debatten in Akademien unterschiedlicher Prägung begleitet und mitgeprägt.

Geschichte und Moderne

Der Bau im Frankfurter Westend verbindet die Tradition einer gut 110 Jahre alten Gründerzeitvilla mit einem viergeschossigen Neubau. Er mutet dank vieler Glasflächen fast transparent an und spielt ein wenig mit geometrischen Linien. Alt und neu - Geschichte und Moderne.   

Sabena Donath, Direktorin der Jüdischen Akademie in Frankfurt am Main, nach einer Veranstaltung im Mai 2026 in einem Tagungssaal in Würzburg.
Sabena Donath, Direktorin der Jüdischen Akademie in Frankfurt am MainBild: Christoph Strack/DW

"Wir verstehen uns als ein Ort, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen verhandelt werden", sagt Sabena Donath, Direktorin der bundesweit einmaligen Einrichtung, der DW.

Vom Akademie-Bau sind es knapp zehn Gehminuten bis zur Synagoge im Westend. Auf der anderen Seite liegt in Sichtweite das Gelände der Frankfurter Messe mit der Festhalle, in der die Nazis 1938 jüdische Männer zusammenpferchten und von dort aus in Konzentrationslager deportierten.

Der Zentralrat entschied sich bewusst für Frankfurt als Standort der Akademie. Die Main-Metropole gehört neben Berlin, München und Düsseldorf heute zu den wichtigen Standorten jüdischen Lebens in Deutschland. 

Frankfurt und die jüdische Gemeinschaft

Die Ansiedlung verweist auch auf die traditionell große Bedeutung der Stadt für die jüdische Gemeinschaft und auf die Bedeutung jüdischen Lebens für die Stadt. Hier wurde 1950 der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet, der heute seinen Sitz in Berlin hat. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden ist hier beheimatet. Das 1988 dort eröffnete Jüdische Museum ist das wichtigste bundesweit.

Aber vor allem gehören jüdische Denker untrennbar zur Frankfurter Geistes- und Universitätsgeschichte. Frankfurter Juden trugen zur Gründung der Goethe-Universität bei. Dazu zählt auch das 1920 gegründete und rasch erfolgreiche Jüdische Lehrhaus, das mit dem Namen des Philosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) verbunden ist. 1938 wurde es von den Nazis geschlossen.

Das Direktoren-Duo der neuen Jüdischen Akademie, Sabena Donath (rechts) und Doron Kiesel, steht im Neubau der Akademie. Man erkennt den modernen. unverputzten Beton des Gebäudes im Treppenhaus
Die Direktoren Doron Kiesel (links) und Sabena Donath (rechts)Bild: Rafael Herlich

Die neue Jüdische Akademie steht in der Tradition dieses Lehrhauses. 2012 regte der damalige Zentralratsvorsitzende Dieter Graumann die Gründung einer Bildungsabteilung an. Daraus erwuchs die Akademie. Sabena Donath und Doron Kiesel prägten die Arbeit der Bildungsabteilung - und sind nun gemeinsam Direktoren der Akademie.

"Ein Haus für die Wissenden und für die Fragenden"

Sie soll, sagt Donath, eine "Schnittstelle zwischen Wissenschaft und einer breiten Öffentlichkeit" sein, "ein Haus für die Wissenden und ein Haus für die Fragenden". Die Direktorin nennt religionsphilosophische und ethische Themen, auch programmatische Debatten zur jüdischen Gegenwart. Es geht im Programm um die vielen Facetten jüdischen Lebens, auch um die Vielfalt religiöser Strömungen. Kiesel sagt der DW: "Wir wollen zeigen, wie Juden heute leben und wie heterogen jüdisches Leben ist. Und dass es völlig falsch ist, von 'den' Juden oder 'dem' jüdischen Denken zu reden."

Josef Schuster: Große Sorgen unter deutschen Juden

Zentralratspräsident Schuster bekundete in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die Hoffnung, die Akademie möge "jüdische Themen abseits vom Thema Antisemitismus und Judenverfolgung in die Öffentlichkeit" bringen. Und doch gehören diese Themen zum Programm. "Wir haben", sagt Kiesel, "ein Problem in diesem Land, dass sich der Antisemitismus hinter unendlich vielen Themen versteckt und immer mal wieder zum Ausdruck kommt, mal deutlicher, mal subtiler."

Antisemitismus sei "keine Meinung", betont Kiesel. Er bedeute "die Infragestellung einer Form des Zusammenlebens, die, wie wir dachten, nach dem Zweiten Weltkrieg für die meisten hier lebenden Menschen selbstverständlich geworden ist. Da sind Zweifel angesagt. Und wir müssen uns gegen alle denkbaren Eventualitäten rüsten."

Man sieht - auf einem Teppichboden und vor eleganten Schuhen - einen der Spaten beim Spatenstich zum Baubeginn der Jüdischen Akademie im September 2021. Auf dem Metall der Schaufel ist eine Skizze des seitdem entstandenen Gebäudes und der Schriftzug "SPATENSTICH 2. September 2021" zu erkennen.
Einer der Spaten beim Spatenstich zum Baubeginn der Jüdischen Akademie im September 2021Bild: Boris Roessler/dpa/picture alliance

Zum Neubau der Akademie gehören Sicherheitsmaßnahmen. "Es ist ein bitterer Zustand, dass jüdische Institutionen bewacht werden müssen", sagt Donath. Die Akademie werde geschützt, so wie jüdische Schulen und Synagogen geschützt werden müssten. "Für uns ist das trauriger Alltag." Die Baukosten von rund 40 Millionen Euro, die etwa zur Hälfte vom Zentralrat, zur Hälfte von Bund und Ländern getragen wurden, sind auch wegen der baulichen Schutzmaßnahmen deutlich höher, als bei der Grundsteinlegung 2021 kalkuliert.

Bei der Feier zur Grundsteinlegung nannte Josef Schuster auch den "Dialog der Religionen" als Thema der Akademie. Kiesel zeigt sich ernüchtert. "Wir haben nicht nur positive Erfahrungen. Es gibt mit Teilen der muslimischen Community, auch mit christlichen Gemeinden oder Repräsentanten der christlichen Kirchen teils große Herausforderungen", sagt Kiesel.

Der fast fertige Bau der Jüdischen Akademie mit dem viergeschossigen Neubau (links) und der angeschlossenen, gut 110 Jahre alten Gründerzeitvilla. Im Hintergrund erahnt man zwei Hochhäuser im an Hochhäusern nicht armen Frankfurter Westend.
Kurz vor der Eröffnung - der Neubau der Jüdischen Akademie mit dem viergeschossigen Neubau (links) und der angeschlossenen, gut 110 Jahre alten GründerzeitvillaBild: Christoph Strack/DW

"Wenn Sie von einem Dialog zwischen Juden und Christen oder Juden und Muslimen reden, stellen Sie fest, dass es mitunter plötzlich um israelische Politik und Gewalt in Nahost geht." Das Verhältnis zum Judentum und auch zu Israel sei in eine Schieflage geraten. "Im Moment gibt es in mancherlei Hinsicht eine Funkstille, vor allen Dingen zu den muslimischen Gemeinden." Diesen Herausforderungen werde sich die "Jüdische Akademie" stellen, zu deren Aufgabenfeld der interreligiöse Dialog explizit gehören soll.

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