Was hinter der Wut von Frankreichs Jugendlichen steckt

- 5'060 Festnahmen in einer Woche: Die Schülerproteste in Frankreich eskalieren zunehmend.
- Hinter der Wut stecken bröckelnde Schulen, Lehrkräftemangel und ein Bildungssystem, das laut Politologe Casasus versagt hat.
- Fehlende Schülergewerkschaften und eine veränderte Polizeikultur seit Nicolas Sarkozy verstärken die Gewaltspirale.
Kinder auf den Strassen, brennende Schulhäuser, Hunderte Festnahmen: Seit über einer Woche kommt es in Frankreich zu massiven Protesten von Schülerinnen und Schülern. In dieser Woche drohen weitere Eskalationen. Doch so drastisch die Bilder sind, kämen die Demonstrationen nicht ganz unerwartet. Politologe Gilbert Casasus ordnet für 20 Minuten die französische Protestkultur und die zunehmende Gewalt ein.
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Ein Land, das auf die Strasse geht
«Man darf nie vergessen, dass Frankreich das Land der Französischen Revolution ist», so der Politologe. Protest habe in der jüngeren Geschichte immer wieder eine fundamentale Rolle gespielt. Nur während weniger Phasen der letzten Jahrhunderte seien Proteste weitgehend ausgeblieben. «Ob man will oder nicht: Die Proteste sind ein Ausdruck demokratischen Verhaltens.» Die Bevölkerung bringe sich auf diese Weise in die Politik ein. «Die Schülerinnen und Schüler nun als die besten Demokraten darzustellen, wäre falsch, doch der Protest zeigt, dass sie eine gewisse politische Mündigkeit vorweisen.»
Die Verankerung von Protest als politisches Mittel in Frankreich präge die aktuellen Ereignisse. Dennoch seien sie in einer Hinsicht besonders. «Seit den Studierendenprotesten vor rund 20 Jahren gab es eigentlich keine grossen Protestbewegungen von Schülerinnen und Schülern.» Viele der Kinder, die nun auf die Barrikaden gingen, hätten in ihrem Leben also keine vergleichbare Bewegung gehabt. Die Jungen erlebten ein von Krisen und politischer Polarisierung geprägtes Land, dessen Politik aus ihrer Sicht keine Antworten auf strukturelle Probleme finde. «Es ist ein Protest gegen ein Land, in dem Junge den Eindruck haben, es böte ihnen keine Zukunft.»
Marode Schulen und ungleiche Chancen
Hinzu komme der schlechte Zustand vieler Schulhäuser. «Wir reden hier unter anderem von bröckelnden Wänden, fehlenden Türen auf WCs, überfüllte Klassenzimmer und einem Lehrkräftemangel.» Im regionalisierten Bildungssystem seien die Zuständigkeiten derart zersplittert und bürokratisiert, dass sich letztlich niemand für notwendige Investitionen verantwortlich fühle. Zugleich hätten sich auch die schulischen Leistungen verschlechtert, wie sich in der jüngsten PISA-Studie zeige. «Die Jugend sagt nun aber: ‹Moment, das Bildungssystem hat versagt und nicht wir. Wir brauchen wieder ein System, das für uns funktioniert.›»
Dieser Frust entlade sich zunehmend auch in Gewalt. Dafür sieht Casasus zwei Gründe. «Zum einen fehlen Organisationen wie Schülergewerkschaften, welche die Wut der Proteste kanalisieren können.» Dadurch seien die Proteste unorganisierter und gewaltanfälliger und letztlich auch politisch weniger wirksam. Zum anderen sei insbesondere in den Vorstädten eine Kluft zwischen jungen Menschen und der Polizei entstanden.
Gewaltspirale
«Nicolas Sarkozy hat seinerzeit den Fehler gemacht, die Polizeikultur zu verändern.» Zuvor habe die Polizei im Rahmen einer auf die Quartiere ausgerichteten Strategie den Auftrag gehabt, mit der Bevölkerung Kontakt zu pflegen. Dieser deeskalierende Ansatz fehle heute, was zu einer Vertrauenskrise beigetragen habe. «Neben der Radikalisierung der Jugend gab es zudem eine dokumentierte Radikalisierung der Polizei, etwa über einflussreiche rechtsradikale Gewerkschaften.» Es stünden sich auf der Strasse also stark verhärtete Fronten gegenüber – mit extremen Konsequenzen. «Die inakzeptable Gewalt auf beiden Seiten treibt die Gewaltspirale an.»
Kurzfristig dürften die Bilder der Gewalt bei der breiten Bevölkerung nicht gut ankommen und in Teilen auch zu einer Verurteilung der Proteste führen. «Aber das ist nur die eine Seite der Analyse.» Auf der anderen Seite stünden zahlreiche Eltern, die über die Zustände des französischen Bildungssystems Bescheid wissen. So sei auch eine weiterhin beträchtliche Solidarität mit dem Anliegen der Proteste zu sehen, «nicht aber mit der Gewalt».
Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.
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