Marie Kreutzer über „Gentle Monster“: „Das ist noch hundert Jahre nicht auserzählt“

Eine Ehefrau, deren Mann wegen Pädophilie verhaftet wird, und eine Polizistin mit übergriffigem Vater: Marie Kreutzer über Macht und Wegsehen in ihrem Film „Gentle Monster“.
In „Gentle Monster“ wird der Ehemann der Musikerin Lucy (Léa Seydoux) wegen des Besitzes von Missbrauchsdarstellungen von Kindern festgenommen. Während sie mit der Wahrheit hadert, folgt das Drama zugleich der Polizistin Elsa (Jella Haase), die im eigenen Elternhaus mit männlicher Übergriffigkeit und tradierten Rollenbildern konfrontiert ist. Im Gespräch erklärt die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer, warum für sie die beiden Perspektiven zusammengehören – und wie der Fall Florian Teichtmeister ihre Arbeit am Film, der im Wettbewerb von Cannes seine Premiere feierte, beeinflusst hat.
taz: Frau Kreutzer, was war der Ausgangspunkt für „Gentle Monster“?
Marie Kreutzer: Ich habe 2020 in der Zeit einen Artikel gelesen. Das war eine große Recherche von mehreren Journalist:innen über einen großen Ring von Pädokriminellen in Nordrhein-Westfalen, der damals aufgedeckt worden ist. Es ging um die Ermittlungsarbeit, aber auch um einzelne Fälle. Der Artikel war sehr explizit, sehr hart zu lesen. Und er hat mir etwas vor Augen geführt, was mir so nicht klar war oder was ich vielleicht auch nicht wahrhaben wollte: dass ich mit Sicherheit nicht nur Opfer, sondern auch Täter kenne. Der Artikel hat anschaulich gemacht, dass es jeder, auch jeder nette Typ sein kann. Der creepy Kerl hinter dem Busch ist eher die Seltenheit. Das war der Ausgangspunkt, an dem ich dachte: Ich kann darüber nur einen Film machen. Weil – was soll ich sonst tun?
Bild: Pamela Rußmann
Im Interview: Marie Kreutzer
Marie Kreutzer wurde 1977 in Graz geboren. Sie studierte Romanistik und Germanistik in Graz und Wien. Anschließend studierte sie Drehbuch und Dramaturgie an der Filmakademie Wien. Ihr Spielfilmdebüt „Die Vaterlosen“ lief 2011 auf der Berlinale. Mit „Der Boden unter den Füßen“ war sie 2019 im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Der Historienfilm „Corsage“ lief 2022 in Cannes.
taz: Sie erzählen nicht aus der Perspektive des Täters, sondern stellen mit Lucy dessen Partnerin ins Zentrum. Sie ist Musikerin, Mutter eines Sohnes, souverän – und wird plötzlich mit dem Verdacht gegen ihren Mann konfrontiert, der ihr bisheriges Leben infrage stellt. Was hat Sie an dieser Figur und ihrer Situation interessiert?
Kreutzer: Es gibt diesen Spruch: „Nimm deine schlimmste Angst und schreib darüber.“ Und ich glaube, für Eltern gehört es zu den schlimmsten Ängsten, dass das Kind stirbt oder ihm etwas angetan wird. Wenn diese Gefahr aber von jemandem ausgeht, den man liebt, ist das natürlich noch einmal eine viel größere Fallhöhe. Mich hat dabei nie interessiert, wie es dem Täter geht, was er tut und warum. Täter bekommen gesellschaftlich und auch medial ohnehin viel zu viel Aufmerksamkeit. Mich interessiert vielmehr: Wie gehen wir als Umfeld mit so einem Fall um? Aus der Distanz ist es immer sehr leicht zu urteilen, aus der Nähe nicht. Wie sehr also isoliert einen so ein Fall? Lucy steht dabei auch stellvertretend für die Gesellschaft. Wie ungern schauen wir hin? Wie gern hätten wir, dass es eine harmlose Erklärung gibt? Wie gern würden wir uns nicht mit solchen Fällen auseinandersetzen?
Der Film
„Gentle Monster“. Regie: Marie Kreutzer. Mit Léa Seydoux, Jella Haase u.a. Österreich/Deutschland/Frankreich 2026, 112 Min.
taz: Mit der Polizistin Elsa gibt es eine zweite Hauptfigur. Sie ist mit Lucys Fall befasst und kümmert sich zugleich um ihren demenzkranken Vater, der seine Pflegekraft herablassend behandelt und auch körperlich belästigt. Warum war Ihnen diese zweite Perspektive wichtig?
Kreutzer: Ich dachte: Wenn wir nur die Geschichte von Lucy erzählen, dann kann sich das Publikum wieder zurücklehnen und sagen: „Schlimme Geschichte, hat mit mir nichts zu tun.“ Durch Elsa kriegt das Ganze eine andere Dimension, weil klar wird: Das ist für sie nur irgendein Fall von Tausenden. Sie hat dauernd damit zu tun, morgen steht sie schon vor einer anderen Tür. Deshalb war für mich auch klar, dass sie ihre eigene Geschichte haben muss, in der sich etwas davon spiegelt.
taz: Bei Elsa rücken sehr viel alltäglichere Situationen männlicher Dominanz in den Blick: Neben dem übergriffigen Vater gibt es den Bruder, der einen Großteil der Sorgearbeit Elsa überlässt – aber schon Anerkennung dafür bekommt, dass er sich um eine kaputte Lampe kümmert …
Kreutzer: Es freut mich, dass Sie das sagen. Männer verstehen die Szene oft nicht. Das hat im Schnitt zu lustigen Situationen geführt. Mir haben immer wieder Männer gesagt: „Die Szene braucht es nicht, die sagt nichts aus.“ Einige Frauen hingegen haben sich ausdrücklich für die Szene bedankt.
taz: Bei Lucy geht es um einen Extremfall, den gesellschaftlich wohl niemand relativieren würde. Bei Elsa zeigen Sie dagegen Verhaltensweisen, die häufig toleriert oder entschuldigt werden. Sehen Sie eine Verbindung zwischen diesen unterschiedlichen Formen der Grenzüberschreitung und Gewalt?
Kreutzer: Absolut, es fängt sehr früh an und eigentlich muss beidem widersprochen werden. Aber: Je näher uns jemand ist, desto mehr akzeptieren wir. Wenn es jemand ist, den wir kennen, respektieren oder lieben, sind wir geneigt zu sagen: „Ja, der ist halt so. Der ist schon so alt. Der macht halt solche Scherze.“ Oder: „Andere Generation.“ Wir entschuldigen und rechtfertigen viel. Das ist es auch, was Lucy und Elsa für mich verbindet: Beide tun sich schwer damit, ehrlich zu sich selbst zu sein.
taz: Nach der Premiere von „Gentle Monster“ im Wettbewerb von Cannes wurde dieser Aspekt kontrovers diskutiert: dass Sie in einem Film sowohl Pädokriminalität als auch alltägliche Formen männlicher Dominanz thematisieren. In manchen Reaktionen wurde diese Verbindung als Provokation empfunden. Hat Sie das überrascht?
Kreutzer: Ich finde es interessant, dass Männer zum Teil so verschnupft darauf reagieren. Ich lese keine Kritiken, aber ich habe es schon in Interviews gemerkt. Mich hat tatsächlich ein männlicher Kollege von Ihnen gefragt: „Diese Geschichte, die Frau ist so und der Mann ist so – ist das dann auch mal bald auserzählt?“ Und ich habe gesagt – ich schätze ihn sehr und kenne ihn schon lange -: „Weißt du eigentlich, in welcher Welt wir Frauen leben?“ Offenbar nicht! Das ist natürlich noch hundert Jahre nicht auserzählt.
taz: Was ist es, das sich an diesem Verhältnis von Frauen und Männern so hartnäckig hält?
Kreutzer: Für mich ist der Ursprung immer der gleiche. Wir werden sozialisiert in dem Glauben, der größte Wert, den wir in diesem Leben haben, ist, schön zu sein. Und Männer bekommen vermittelt: Das Größte, was sie erreichen können, ist, mächtig zu sein. Diese Lust an der Macht oder dieser Wunsch nach Macht ist, glaube ich, der Ursprung für den verhältnismäßig kleinen Konflikt in Elsas Elternhaus, für Lucys Geschichte und für alle Kriege, die wir auf dieser Welt haben. Es ist alles das gleiche Problem, meiner Meinung nach.
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taz: Sie haben am Anfang gesagt: „Ich kann darüber nur einen Film machen.“ Was soll von „Gentle Monster“ bleiben?
Kreutzer: Ich glaube, insgesamt wäre es die Frage: Was kann ich tun? Und zwar auf all diesen Ebenen. All das fängt früher an als bei Pädokriminalität oder Vergewaltigung. Also: Wie kann ich mit meinen Kindern darüber reden? Einerseits, um sie besser zu schützen und ihnen frühzeitig klarzumachen, wo ihre Grenzen liegen. Andererseits aber auch, um sie zu besseren Menschen zu machen, die solche Verhaltensweisen nicht wiederholen. Aber auch wenn man keine Kinder hat, geht es letztlich wieder um die Ehrlichkeit – anderen und sich selbst gegenüber. Darum, nicht wegzuschauen und Dinge nicht wegzulachen.
taz: Sie haben erzählt, dass Ihnen schon 2020 der Gedanke kam, vermutlich selbst Täter zu kennen. Später wurde bekannt, dass der Schauspieler Florian Teichtmeister, mit dem Sie für „Corsage“ zusammengearbeitet hatten, Missbrauchsdarstellungen von Kindern besessen hatte. Damit bekam die Frage, die am Anfang Ihres Films stand, eine persönliche Dimension. Was hat das mit Ihrer Arbeit an „Gentle Monster“ gemacht?
Kreutzer: Das war natürlich ein Riesenschock. Da unser Film, „Corsage“, gerade sehr in den Medien war, wurde ich mit in die Verantwortung genommen, als eine der Regisseurinnen und Regisseure, die mit ihm gearbeitet haben. Mich haben sogar Leute auf der Straße attackiert. Da dachte ich zuerst: Ich kann diesen Film nicht mehr machen.
taz: Was hat diesen Gedanken dann verändert?
Kreutzer: Ich habe relativ bald gemerkt: Das ist wahrscheinlich gerade der Grund, warum ich ihn machen muss. Weil es meine Ur-Idee bestätigt hat, dass ich sicher Täter kenne. Zum anderen: Als Mensch und als Regisseurin hat mich diese Causa sicher stärker gemacht. Wenn man einmal in so einem Shitstorm war, ist es einem wurscht, wenn wieder einer kommt. Ich sage, was ich will, ich sage, was ich denke, und ich mache die Filme so, wie ich sie für richtig halte. Diese Resilienz, sich nicht danach zu richten, was andere denken, braucht man in diesem Beruf dringend. Und die ist stärker geworden.
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