Roman «Annie Robot» – Falle Roboter-Sextoy: Wenn die Liebe zur KI zum Verhängnis wird

Annie Robot «lebt» in New York in nicht allzu ferner Zukunft. Sie ist eine hochentwickelte Roboterfrau, von einem echten Menschen nicht zu unterscheiden. Sie ist die Hauptfigur im Roman «Annie Robot» der US-Amerikanerin Sierra Greer.
Annies Körper ist entsprechend gängigen Schönheitsidealen geformt. Sie kann Essen zubereiten, Hausarbeiten verrichten, zieht sich aufreizend an und passt ihre Libido der jeweiligen Stimmung ihres Besitzers Doug an.
Doug hat sich Annie kurz nach seiner Scheidung zugelegt. Die Androidin verspricht Abhilfe für seine emotionale und sexuelle Frustration.
Die «perfekte Frau» bringt auch Langeweile
Annie stammt aus einer Fabrik, die weibliche und männliche Menschmaschinen in Serie herstellt – und dann je nach Programmierung für Hausarbeit, Kinderhüten oder sexuelle Bedürfnisse bereitstellt.
Die Sklavin Annie ist mit künstlicher Intelligenz gesteuert. Ganz darauf festgelegt, ihrem Herrn und Meister zu dienen, ihn zu verwöhnen, herauszufinden, was ihm gerade gefallen könnte. «Neulich», heisst es an einer Stelle im Buch, «hat er gesagt, sie sehe scharf aus, wenn sie liest». Selbstredend präsentiert sie sich ihm nun mit Buch.
So sehr Annie banale Männerfantasien befriedigt, so langweilig wird die Androidin ihrem Besitzer auf die Dauer. Er lässt Annie umprogrammieren, auf «Autodidaktmodus». Die Umstellung ist irreversibel und soll Annie zum besseren Lernen befähigen – sodass sie sich in ihrem Verhalten mehr und mehr einer echten Frau annähert.
Die Büchse der Pandora ist offen
Der dominant-dümmliche Doug macht die Rechnung jedoch ohne den Wirt: Mit feiner Präzision schildert Sierra Greer, wie sich Annie langsam verändert: Sie bemüht sich zwar, «folgsam» zu sein, «sie ist Doug ergeben. Sie tut alles, was er will, also sollte sie glücklich sein. Warum gelingt ihr das nicht?»
Annies Metamorphose ist mitreissend geschildert. Die Sprache ist einfach und klar, den Sprachfähigkeiten der Androidin nachempfunden.
Annie entwickelt ein neues Selbstbewusstsein, Sehnsüchte, den Drang, aus der toxischen Bindung mit Doug auszubrechen. Doug reagiert mit Liebesentzug und Bestrafung. Doch die Büchse der Pandora ist geöffnet.
Ein Roboter gegen das Patriarchat
Annies Innenleben wird insofern menschlich, als es plötzlich von Ambivalenzen geprägt ist. Die Androidin ist hin- und hergerissen zwischen altem Pflichtbewusstsein und neuem Freiheitsdrang. Gleichzeitig lehnt sie sich zunehmend gegen die patriarchalen Strukturen auf.
Und sie flieht. Doug fängt sie dank Standort-Tracking wieder ein. Er sperrt sie ein. Hofft, ihr eine Lektion erteilen zu können, indem er ihr zwischenzeitlich den Strom abstellt. Fehlanzeige: Annies Entwicklung kann nicht gestoppt werden.
Sierra Greer: «Annie Robot». Liebeskind, 2026.
Nun liest sich der Roman nicht mehr nur als beissende Satire auf erzwungene Selbstoptimierung und patriarchale Strukturen, sondern auch als Weckruf für unseren Umgang mit der Digitalisierung. Als Warnung davor, zuzusehen, wie KI zum Tummelfeld für technologischen Grössenwahn wird. Bei Tech-Giganten im Silicon Valley und anderswo.
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