Warum kein deutscher Superstar?: Nur Respekt statt Liebe: Zverev und seine historischen Chancen

Alexander Zverev ist nur wenige Tage nach seinem Sieg bei den US Open beim Davis Cup am Start. Hinter ihm liegt die jetzt schon beste Saison seiner Karriere, vor ihm eine große Chance, ein weiteres seiner Karriereziele zu erreichen. Doch in Deutschland wird davon wenig Notiz genommen.
Die Stimmung in der Arena im ostwestfälischen Halle war entspannt. An dem Ort, an dem das größte Herrentennisturnier auf Rasen stattfindet, stand am Freitagmittag die Auslosung für die Begegnung des deutschen Davis-Cup-Teams gegen Kroatien an. Das deutsche Team ist Favorit, durch einen Sieg wird die Finalrunde Ende November in Bologna erreicht.
Kurz bevor die Spieler für die Auslosung auf den Platz gerufen wurden, stand Alexander Zverev inmitten seiner Teamkollegen und der Betreuer. Er scherzte mit Physiotherapeut Bastian Arnold, es wurde viel gelacht. Lockerheit bestimmte den Tag für die deutsche Nummer eins, fünf Tage nach dem Triumph bei den US Open. Er ist Teil eines Teams, das in dieser oder einer sehr ähnlichen Konstellation schon seit einigen Jahren zusammenspielt. Fast wie bei einem Klassenausflug.
Nur wenige Tage nach dem Gewinn seines zweiten Grand-Slam-Turniers hätte es sich Zverev leicht machen können. Eine Davis-Cup-Partie ist schnell abgesagt, die Öffentlichkeit hätte wohl Verständnis gezeigt. Doch in der Pressekonferenz vor der Partie am Samstag und Sonntag zeigte sich der 29-Jährige gewillt, mit dieser Mannschaft zum ersten Mal seit 1993 den Davis Cup zu gewinnen:
Halle trotz Zverev nicht ausverkauft
"Ich war von Anfang an in der Mannschaft gemeldet. Wir als Gruppe werden irgendwann älter. Ich glaube, dass wir mit diesem Team dieses Jahr und vielleicht die nächsten Jahre noch Chancen haben, aber nicht mehr zehn Jahre. Wir möchten als Mannschaft die Chance nutzen, den Davis Cup zu gewinnen. Dafür muss man natürlich auch solche Matches gewinnen." Nach einer Saison wie der von Zverev keine Selbstverständlichkeit.
Zverevs Jahr wäre auch ohne den US-Open-Sieg ein erfolgreiches gewesen. Er zeigte eine Konstanz, sowohl in den Ergebnissen als auch in seinem Spiel, die in den Top 10 gerade in diesem Jahr selten gesehen wurde. Carlos Alcaraz und Jannik Sinner, die einzigen für den Hamburger in diesem Jahr nicht zu bezwingenden Gegner, waren in entscheidenden Phasen dieses Jahres entweder verletzt wie Alcaraz oder zeigten ungeahnte Schwächen wie Sinner bei den French Open. Zverev erntete in diesem Jahr die Früchte jahrzehntelanger Arbeit. Man sollte meinen, dass solche Erfolge auch für eine erhöhte Aufmerksamkeit hierzulande sorgen sollten.
Der Vorverkauf für die zwei Tage von Halle zog nach der Ankündigung Zverevs zu spielen, noch mal an, wie der Pressesprecher des Deutschen Tennis Bundes vor der Begegnung gegen Kroatien berichtete. Ausverkauft wird die Arena jedoch nicht sein. Die Übertragung des Spiels findet auf der Homepage des DTB und im Stream beim Tennis Channel statt.
Nicht verehrt wie Boris Becker
Trotz der großen sportlichen Erfolge Zverevs ist dessen öffentliche Wahrnehmung außerhalb der Tenniskreise wenig existent. Die Gründe sind vielschichtig. Anders als in den 1990ern streiten viele Sportarten um die Gunst der Zuschauer, Fußball ist noch übermächtiger als noch vor 30 Jahren. Doch auch Zverev selbst hat, vielleicht unabsichtlich, seinen Teil dazu beigetragen. Der Deutsche zeigte sich in seinen Anfangsjahren auf der Tour unnahbar, bisweilen arrogant. Auftritte in Deutschland waren selten, der Fokus auf den internationalen Markt ausgerichtet.
Dazu kommen die bis heute nicht aufgeklärten Vorwürfe der häuslichen Gewalt gegen ihn. Zwei Exfreundinnen, Olya Sharypova und Brenda Patea, erhoben entsprechende Vorwürfe gegen ihn. Das Verfahren Pateas gegen Zverev wurde gegen eine Geldzahlung eingestellt. Der Fall Sharypova kam nie vor Gericht. Die Vorwürfe sind nicht ausgeräumt, sie haften dem Deutschen an wie ein übler Geruch. Zverev hatte während der French Open 2024, als das Patea-Verfahren gegen ihn eingestellt worden war, in einer Pressekonferenz gefordert, nie wieder mit diesem Thema behelligt werden zu wollen. Nach seinem French-Open-Sieg im Juni dieses Jahres brach er ein Interview mit dem französischen Magazin "L'Équipe" ab, als der Journalist ihn auf die Vorwürfe ansprach.
Offener geht Zverev mit seiner Diabetes-Krankheit umgeht. Wie er Kindern mit dieser Diagnose Mut macht und bestärkt (Mut und ermutigt, vielleicht "bestärkt" statt ermutigt), wirkt nie aufgesetzt, sondern immer authentisch. Aber seine Karriere und die Erfolge werden in Deutschland nur respektiert. Bewundert oder verehrt wie Boris Becker wird Zverev wohl nie. Gedanken macht er sich darum zu diesem Zeitpunkt jedoch sicher nicht.
Zverevs großes Ziel: Nummer 1 werden
Der Terminplan ist auch nach den US Open und dem Davis Cup eng gepackt. In der nächsten Woche wird der Laver Cup gespielt, danach geht es nach Peking, Shanghai, Wien und Paris, bevor die ATP Finals anstehen und womöglich auch die Davis-Cup-Finals in Bologna. Für Zverev stellt sich das nicht als Problem dar: "Wir sind in der Zeit des Jahres, in der ich nicht große Pausen einlegen möchte, weil ich in dieser Form bleiben möchte. Nicht so wie nach Wimbledon, wo ich eine Woche frei gemacht habe, dann drei Wochen trainiert und dann eineinhalb Monate brauchte, bis ich halbwegs den Ball ins Feld gespielt habe. In Montreal habe ich wenig ins Feld gespielt, in Cincinnati wurde es ein bisschen besser und die ersten beiden Runden bei den US Open habe ich wie ein Anfänger gespielt. Dann wurde es erst besser."
Zverev weiß genau, welche Chancen sich ihm in diesem Herbst noch bieten. Er kann der erste deutsche Tennisspieler seit Boris Becker werden, der die ATP-Weltrangliste anführt. Angelique Kerber war 2016 die letzte deutsche Nummer 1 bei den Frauen. Seine gesamte Karriere über hatte Zverev immer wieder betont, dass er zwei Ziele habe: Grand Slams zu gewinnen und die Nummer 1 zu werden. Das eine Ziel hat er sich erfüllt, auf dem anderen liegt jetzt der Fokus, trotz einer jetzt schon sehr langen Saison: "Ich möchte in dieser Form bleiben und dafür muss ich am Ball bleiben. Ja, es wird irgendwann mental schwer, aber ich weiß, um was es für mich geht. Das ist kein Geheimnis. Da muss ich mental ein bisschen durchbeißen. Das ist auch okay so."
In den nächsten Wochen bietet sich ihm die vielleicht beste Chance seiner Karriere, Nummer 1 der Weltrangliste zu werden. Im ATP Race, das nur die Ergebnisse von 2026 ausweist, liegt er schon in Führung. Jannik Sinner, derzeitiger Primus, hat bis zum Ende der Saison sehr viele Punkte zu verteidigen. Sammelt Zverev in den nächsten Turnieren ausreichend Punkte, könnte er den Platz an der Weltranglistensonne erklimmen.
Er ist jetzt schon der erfolgreichste deutsche Tennisspieler seit Boris Becker. Vielleicht schwenkt in den nächsten Jahren auch noch der Respekt in Bewunderung um.
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