Die Neinsager und die Jasager

Welch ein Wirrwarr: die Midterms in den USA, die Ausschreitungen in den Städten Westeuropas, der Westen in Aufruhr – die Demokratie als Durcheinander.
Wie wohltuend dagegen China: Der Staatschef ist unzufrieden mit seinen Funktionären, also ordnet das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei seine Reihen neu. Sie sollen wieder tun, was Xi Jinping gebietet, und zwar ohne Lamento – auch über den Diktator zu lachen, ist neuerdings eine Straftat.
Ordnung gegen Unordnung. Diktatur gegen Demokratie.
Was für eine Welt wollen wir?
Die «Neue Zürcher Zeitung» setzte über eine Wirtschaftsanalyse den sachlichen Titel: «China schnürt der europäischen Industrie die Luft ab.» Gehts dramatischer? Das Aufbegehren der westlichen Zivilisation gegen die ökonomische Aggression Chinas hält sich allerdings in Grenzen. Man bewundert die Diktatur für ihre Tüchtigkeit – und verhandelt mit ihr über «Freihandel». Dabei steckt der Denkfehler schon im Begriff: Das Wörtchen «frei» kommt im Vokabular Pekings nicht vor.
Jeder Kontakt zum Westen, sei er wirtschaftlich, wissenschaftlich oder politisch, unterliegt der Kontrolle durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh); jede Abordnung, die sich mit Vertretern des Westens trifft, seien es Unternehmer oder Wissenschaftler, Politiker oder Bürokraten, Studenten oder Sportler, steht unter Aufsicht durch KPCh-Funktionäre.
Die Partei regiert China bis in die feinsten Verästelungen der Gesellschaft. Und die Partei, das ist Xi Jinping, der Diktator mit dem undurchdringlichen Antlitz, lächelnd oder drohend, je nachdem, wie der Mann mit der Macht-Miene seinen Gesprächspartnern begegnet.
Ja, in China herrscht Ordnung, verkörpert in der Gestalt des absoluten Herrschers, zur Schau gestellt durch den Volkskongress in Reih und Glied – bewundert im Westen als Gegenteil der hierzulande allzeit herrschenden Unordnung.
Demokratie nämlich ist Unordnung. Oder wie der deutsche Verleger und Journalist Mathias Döpfner die Gegensätze der Systeme formuliert: «Demokratien sind Nein-Sager-Gesellschaften. Diktaturen sind Ja-Sager-Gesellschaften.»
In den USA hat die Mehrheit der demokratischen Gesellschaft eben gerade «Nein!» gesagt.
Die Folge ist Fortsetzung von Unordnung: demokratisches Gegeneinander – die Ich-Gesellschaft der Freiheit, die Wir-Gesellschaft der Politik.
In den grossen europäischen Städten von Berlin bis Belgrad, von Bologna bis Barcelona, sagt die Schul- und Studentenjugend gerade besonders gewalttätig Nein.
Westliches Chaos.
Wer möchte es eintauschen gegen Chinas cleanen Kapitalismus-Kommunismus?
Nicht wenige westliche Portemonnaie-Potentaten träumen von der Effizienz der Unfreiheit: vom Geldscheffeln ohne Behinderung durch Bürgereinspruch, ohne die Kritik von Menschen, die frei sind und gleich, ohne Citoyennes und Citoyens – ohne Neinsager-Gesellschaft.
Ohne alles, was Demokraten lieb und teuer ist.
Geht die demokratische Welt gerade unter? «Bröckelt» ihre Unordnung, wie die Medien fleissig melden? Oder erlebt sie bloss mal wieder, wie Freiheit funktioniert? Unter anderem, indem sie das Funktionieren besonders kraftvoll unter Beweis stellt: im Kampf der Freiheitsfreunde gegen die Freiheitsfeinde – in den USA und in den Städten Europas.
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