AfD und Linke: Warum Extremismus-Vergleiche zu kurz greifen
Analyse
Stand: 02.11.2026 • 15:09 Uhr
SPD und Grüne laufen Sturm gegen die Gleichsetzung von AfD und der Linken durch CDU und CSU. Experten betonen deutliche Unterschiede, vor allem bei Ideologie und Bewertung des Verfassungsschutzes.
"Deutschlandtag" der Jungen Union. Auf dem Bildschirm hinter dem Podium prangt in riesigen Lettern: "Nie wieder ist jetzt". Eine Parole, die vor der Wiederkehr des Nationalsozialismus warnt. Flankiert wird der Spruch von einem Wahlkampfaufkleber der Berliner Linken, der für die Spitzenkandidatin Elif Eralp wirbt, und dem Bild eines Vermummten mit Palästinensertuch. Die Botschaft: Die bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus siegreiche Linke sei extremistisch und antisemitisch - und somit zu vergleichen mit dem Nationalsozialismus.
"Einen solchen Vergleich halte ich für daneben", sagt Extremismusforscher Hendrik Hansen im Gespräch mit tagesschau.de. Er lehrt an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in der Abteilung Verfassungsschutz.
Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder erklärt die Aktion im tagesschau.de-Interview mit der Defensive, in der sich die Unionsparteien derzeit befänden: "Aus dieser Lage heraus versucht man, neue Gegnerbezüge aufzubauen, um die Reihen zu schließen und zu verhindern, dass es zu einem Bündnis zwischen SPD, Grünen und Linkspartei kommt." Schroeder lehrt an der Uni Kassel und war Mitglied der SPD-Grundwertekommission.
Extremismus: Alles in einen Topf?
Extremismus ist ein politischer Begriff, mit dem man Gegner diskreditieren kann. CDU und CSU sind mit dem Vorwurf konfrontiert, die Linke mit der AfD in einen "Extremismustopf" zu werfen und damit Unterschiede zwischen beiden Parteien einzuebnen. Er finde "es schwer zu ertragen, was die Union derzeit aufführt", entgegnet Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD). CDU und CSU wirft er Relativierung vor. Die Abgrenzung zu den "Verfassungsfeinden" der AfD werde "verwischt".
"CDU und CSU müssen enger zusammenstehen denn je", hatte CDU-Chef und Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich auf dem CSU-Parteitag gesagt. Die Union werde von "Extremisten" von ganz rechts und von ganz links bekämpft, womit Merz AfD und Linke meinte.
In der Wissenschaft bezeichnet Extremismus das, was sich außerhalb der Grenzen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegt. Experten lehnen politische Pauschalurteile ab und plädieren für eine differenzierte Sicht. Hinzu kommt: "Wir haben es bei AfD und der Linken mit Parteien zu tun, die nicht insgesamt extremistisch sind", sagt Hansen.
Hohe Zahl an Rechtsextremisten bei der AfD
Bei der AfD lässt sich der Anteil der Extremisten recht gut überblicken, weil sie großflächig vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Behörde zählte 2025 28.000 Rechtsextremisten in der Partei - bei einer Mitgliederzahl von damals 70.000.
Im Falle der Linken, sagt Hansen, könnten keine genauen Angaben gemacht werden. Die Linke sei "nicht mehr die eines Gregor Gysi", sagte der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Markus Söder vor Kurzem. Die Partei sei "eine radikale Linke" geworden, eine Entwicklung, die auch Experten wie Hendrik Hansen erkennen.
Der Grund: In den vergangenen zwei Jahren habe sich die Mitgliederzahl "mehr als verdoppelt", sagt der Extremismusforscher. "Und diese neuen Mitglieder, da gibt es schon erste Anhaltspunkte", seien "deutlich radikaler als die bisherigen Mitglieder". Man müsse also davon ausgehen, "dass die heutige Linke nicht mehr die Linke ist von Dietmar Bartsch oder Bodo Ramelow". Radikale Haltungen können sich allerdings im Rahmen der freiheitlichen Demokratie bewegen. Ob die Partei durch den Mitgliederzulauf auch extremistischer wird, steht also noch nicht fest.
Unterschiedliche Weltanschauungen
Für Wolfgang Schroeder zielen sowohl die Linke als auch die AfD darauf, "das demokratische Zentrum" von den Rändern her unter Druck zu setzen. Allerdings geschehe das auf sehr unterschiedlichen "weltanschaulichen, soziologischen und politischen Grundlagen". Anders als die AfD akzeptiere die Linke "grundsätzlich die Gleichheit der Menschenwürde".
Hansen verweist auf die "ethnokulturelle Politik" der AfD, "die sich darauf fokussiert, eine deutsche Identität zu retten". Das Oberverwaltungsgericht Münster verwies 2024 in seinem Urteil zur Verfassungsfeindlichkeit der AfD auf das "völkische Gesellschaftskonzept" in Teilen der Partei.
Demgegenüber konstruieren Hansen zufolge extremistische Strömungen der Linken ein "Opfer-Kollektiv", das unter anderem auch die islamistische und antisemitische Palästinenserorganisation Hamas einbeziehe und deren Gewalttaten gegen Juden relativiere.
AfD im Osten eine "erhebliche Gefahr" für die Demokratie
Die Experten sind sich einig, dass man im Fall der Linken von Landesverband zu Landesverband unterscheiden muss. Schroeder verweist darauf, dass die Linke in Berlin "in der Tat eine ganze Reihe von Persönlichkeiten und Spektren" in ihren Reihen habe, "die demokratietheoretisch hochumstritten sind". Anders als Berlin gilt zum Beispiel die Linke in den ostdeutschen Bundesländern als gemäßigt. In der Vergangenheit erwies sie sich als verlässlicher Regierungspartner.
Bei der AfD gebe es dagegen praktisch keinen moderaten Landesverband mehr, sagt Hendrik Hansen. Selbst die bislang relativ gemäßigte nordrhein-westfälische AfD ist inzwischen in einen internen Machtkampf verstrickt. Von den AfD-Verbänden in Ostdeutschland geht laut Hansen inzwischen sogar "eine erhebliche Gefahr" für die Demokratie aus.
AfD stark im Fokus des Verfassungsschutzes, die Linke kaum
Die AfD ist lediglich im Saarland und in Schleswig-Holstein kein Beobachtungsfall; in fünf Bundesländern gilt sie als gesichert rechtsextremistisch.
Demgegenüber tauchen aufseiten der Linken nur interne Strömungen hin und wieder in den Verfassungsschutzberichten auf, unter anderem der Jugendverband Solid. So nennt der nordrhein-westfälische Bericht für 2025 Solid zusammen mit den kommunistischen Parteien DKP und MLPD. Alle drei richteten sich "gegen wesentliche Bestandteile der freiheitlichen Grundordnung". Als Gesamtpartei wird die Linke in keinem Bericht erwähnt.
Hansen verweist darauf, dass die Verfassungsschutzberichte der politischen Entwicklung hinterherhinkten. Ob die Linke künftig stärker in den Berichten Berücksichtigung findet, wird sich zeigen.
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