Nächster Halt: Gesangsverbot – Klappe halten: Hamburg bremst singenden Busfahrer aus

Stefan Gubser
Kulturredaktor
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Stefan Gubser macht Online-Journalismus, seit es das Internet gibt. Früher befragte der gelernte Germanist berühmte Schauspieler. Heute wird er gerne mit einem verwechselt. Nur des Namens wegen!
Harry schweigt und schmollt vermutlich. Nicht ganz grundlos. Aus Hamburg hat uns via «Süddeutsche Zeitung» diese Vermischt-Meldung erreicht: Dem Busfahrer nachnamens Willhöft (62) wurde von seinem Arbeitgeber das Singen während der Dienstzeit untersagt.
Nie wieder «Auf der Reeperbahn nachts um halb eins», «Mendocino», «Moskau, Moskau». Klappe halten, Harry – weiterfahren. Es sollen sich, so lässt sich sein Arbeitgeber zitieren, zu viele Fahrgäste an der Gesangskunst seines altgedienten Busfahrers gestört haben. Das Stadtoriginal hatte immer weniger Echt-Fans, dafür eine stattliche Followerschaft auf Tiktok.
Singen am Steuer, Ungeheuer? Man müsste schon ein Unmensch sein, um nicht ein kleines Klagelied anzustimmen. Liedgesang bei laufendem Motor: Das war für meine Generation noch Alltag während Autofahrten. Kaum tuckerten wir los nach Irgendwo, wollte meine Pfadfindermutter, dass wir in ihr «Un kilomètre à pied» einstimmen oder bei «Hoch auf dem gelben Wagen» mithelfen. (Unsere Autos waren grün oder rot.)
Auch im helvetischen Hierzulande ist das Singen in Bus zur Extremrandsportart verkommen.
Natürlich singt uns die Harry-Story in erster Linie einen traurig’ Track davon, wie normal wir es längst alle finden, dass es normal geworden ist, dass man «on the road» nicht mehr singt. Früher tat das sogar die deutsche Fussballnationalelf im Mannschaftsbus! Richtig, das war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber: Deutschland wurde Weltmeister – und «Teambuilding» war noch keine Trendvokabel .
Auch im helvetischen Hierzulande ist das gemeine Gesinge in Bus (oder im Zug) zur Extrem-Randsportart verkommen. (Paradoxerweise ist es in Dichtestress-Metropolen wie Zürich schwieriger, in einem Chor unterzukommen, als eine bezahlbare Wohnung zu finden.)
Dass ein Schlager vom Schlage ‹Moskau› zur Stunde nicht so ‹bockt›, wie die Jungen sagen würden, liegt am Weg.
Lustig ist aber auch, dass es umgekehrt niemanden mehr juckt, wenn im ÖV Musik oder der Soundtrack zur Binge-Serie des Monats aus dem Handy plärrt – ohne Headphones. Die analoge Gesangskunst von Hamburgs Harry mag auch deshalb zum Ärgernis geworden sein, weil sie nicht technisch vermittelt ist – sondern allzu menschlich.
Und Geschmacksache? Dass ein Schlager vom Schlage «Moskau» gerade nicht so «bockt», wie die Jungen sagen würden, liegt am Wege, der nicht nur eine Hamburger Hauptstrasse ist. Mindestens so wenig gewagt ist diese Behauptung: Das Gros der Passagiere wird gar nicht erst mitgeschnitten haben, dass Harry nicht nur seinen Bus fährt – sondern ein läppisch’ Lied auf den Lippen hatte.
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