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Tuesday, October 20, 2026

WFP-Länderdirektor im Gespräch – Was bedeutet der Wegfall der Ernährungshilfe für Gaza?

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Das Welternährungsprogramm der UNO (WFP) warnt diese Woche: Es fehlt an Geld – und das in grossem Stil. Die fehlende Finanzierung führe dazu, dass sie ihre Ernährungshilfe im Gazastreifen um rund einen Drittel reduzieren müsse, schreibt die Organisation. Rund eine halbe Million Menschen würden dadurch den Zugang zu lebenswichtiger Unterstützung verlieren. Der Experte ordnet ein, was das für die betroffene Bevölkerung bedeutet.

Martin Frick

Direktor des WFP-Büros für Deutschland/Österreich/Liechtenstein

Martin Frick ist seit November 2021 der Direktor des Welternährungsprogramm (WPF)-Büros für Deutschland, Österreich und Liechtenstein in Berlin. Zuvor war er Sondergesandter des UNO-Generalsekretärs für den «Food Systems Summit 2021», leitender Direktor des UNFCCC-Sekretariats, das sich um die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens kümmert, und Klimachef der UNO-Welternährungsorganisation (FAO).

SRF News: Wie sieht die Lage vor Ort aus?

Martin Frick: Sie ist dramatisch. Auch ein Jahr nach der Waffenruhe sind wir weit von einem echten Frieden entfernt. Bisher konnten wir zwei Drittel der Menschen mit humanitärer Hilfe versorgen. Nun werden 500'000 Menschen diese Versorgung verlieren. Für die Übrigen werden die Lebensmittelrationen halbiert.

Wie wird entschieden, wer weiterhin Hilfe bekommt und wer nicht mehr?

Wir sind seit vielen Jahren in Gaza tätig und wissen, mit wem wir es zu tun haben. Die 1.6 Millionen Menschen, die bis jetzt Hilfe bekommen haben, sind auf diese Hilfe dringend angewiesen. Sollten weitere Kürzungen nötig werden, werden wir Kinder priorisieren, da Mangelernährung bei Kindern lebenslange Folgen haben kann. Auch schwangere und stillende Frauen sowie ältere Menschen und andere besonders gefährdete Gruppen werden weiterhin Unterstützung erhalten.

Selbst mit grössten Anstrengungen ist es kaum möglich, die eigene Familie zu ernähren.

Könnten denn die Menschen die Hilfe, die jetzt wegfällt, irgendwie selber kompensieren?

Nein. Die Infrastruktur ist zerstört, und eine Perspektive für den Wiederaufbau fehlt. Viele Familien wurden mehrfach vertrieben, gleichzeitig liegt die Arbeitslosigkeit bei über 80 Prozent. Da ist es selbst mit grössten Anstrengungen kaum möglich, die eigene Familie zu ernähren.

Es gab zuletzt Berichte, wonach sich die Lage in Gaza leicht entspannt habe und nicht mehr von einer Hungersnot gesprochen werden könne. Zu dieser Einschätzung kommt auch die IPC-Initiative, die vom WFP mitgetragen wird. Was sagen Sie dazu?

Ja, das ist richtig. Aber wir riskieren, diese Fortschritte wieder zu verlieren. Im IPC-Klassement ist die Hungersnot die gravierendste Stufe. Sie bedeutet, dass Menschen an Hunger sterben. In Gaza leben ungefähr 1.6 Millionen Menschen auf IPC-Stufe 3 und damit in kritischer Nahrungsmittelsicherheit. Und noch einmal befinden sich über 200'000 Menschen auf Stufe 4, also in einer Notlage unmittelbar vor einer Hungersnot. Die Situation hat sich zwar verbessert. Für Entwarnung besteht aber noch lange kein Anlass.

Der IPC (Integrated Food Security Phase Classification) ist ein internationales System zur Bewertung von Hunger und Ernährungskrisen. Es teilt die Lage in fünf Phasen ein – von «minimal» bis «Hungersnot». Vorgenommen wird die Klassifizierung von der IPC-Initiative – einer Organisation, die Hungerkrisen weltweit beobachtet.

Eine Hungersnot wird nur ausgerufen, wenn extreme Unterernährung, hohe Sterblichkeit und akuter Nahrungsmangel gleichzeitig auftreten.

Der IPC wird von Organisationen wie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dem Welternährungsprogramm (WFP), dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) getragen und liefert weltweit vergleichbare Daten zur humanitären Lage.

Warum wurde nicht stärker in die Selbstversorgung Gazas investiert?

Das wäre enorm schwierig. So steht derzeit nur noch ein Bruchteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Verfügung. Zudem werden Transporte in den Gazastreifen strengstens kontrolliert. Viele Dinge, die für den Wiederaufbau der lokalen Produktion nötig wären, dürfen die Grenze nicht passieren, weil befürchtet wird, dass sie missbraucht werden könnten.

Was wird denn überhaupt noch im Gazastreifen produziert?

Fast nichts mehr. In Gaza wird heute weniger als zehn Prozent dessen hergestellt, was vor dem Krieg produziert wurde. Zwar gibt es noch etwas Tierhaltung und Anbauflächen. Das sind aber weniger als 500 Hektar, also fast nichts mehr. Es werden umfangreiche Massnahmen notwendig sein, um das wieder aufbauen zu können.

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