The Daily Newsstand · Free, Always
Saturday, September 19, 2026

Keine Rekruten? Dann Maschinen!: So planen Südkorea, China und auch Deutschland die Armee ohne Menschen

Translate

Keine Rekruten? Dann Maschinen!So planen Südkorea, China und auch Deutschland die Armee ohne Menschen

19.09.2026, 17:28 Uhr

imageVon Diana Dittmer

592550402
Südkorea gehört zu den führenden Robotik-Standorten der Welt: Der Autokonzern Hyundai besitzt mit Boston Dynamics einen der bekanntesten Entwickler humanoider und vierbeiniger Roboter. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Südkorea lässt humanoide Roboter ein Kriegsschiff steuern, China erforscht solche Maschinen für den Häuserkampf. Hinter dem militärischen Interesse an dieser Technik steckt ein drängendes Problem: Dem Militär fehlt der Nachwuchs - auch in Deutschland.

Im Juli ließ die südkoreanische Marine einen Roboter dort antreten, wo bislang Menschen stehen: am Steuer eines Kriegsschiffs - allerdings zunächst nur im Simulator. Der rund 1,60 Meter große und 65 Kilogramm schwere Humanoide Pibot kann Instrumente erkennen, Seekarten lesen und Kommandos ausführen, die sonst ein Steuermann übernehmen müsste - auch per Sprachbefehl.

Was nach Science-Fiction klingt, soll in Südkorea möglichst bald Realität werden. Perspektivisch soll Pibot auch in der Lage sein, Autos zu fahren oder Flugzeuge zu bedienen. Entwickelt wurde der Roboter von einem Forscherteam des südkoreanischen Korea Advanced Institute of Science and Technology (KAIST). Die Idee dahinter ist verblüffend einfach: Warum die gesamte Umgebung auf Roboter umrüsten - zum Beispiel ein altes Kriegsschiff -, wenn sich eine Maschine bauen lässt, die sich in einer für Menschen gemachten Umgebung zurechtfindet?

Das Video des Experiments zeigt dabei weit mehr als nur eine technische Spielerei. Südkorea gehen die Soldaten aus. Seit Anfang der 2000er Jahre ist die Personalstärke der Streitkräfte von rund 690.000 auf etwa 450.000 geschrumpft. Allein die Zahl der 20-Jährigen in der Armee sank zwischen 2019 und 2025 um rund 30 Prozent.

Was Südkorea heute unter Druck setzt, könnte auch für andere alternde Gesellschaften zu einer strategischen Frage werden. Was tun, wenn es nicht mehr genug Menschen gibt, um eine Armee aufzustellen? Eine Antwort lautet: Maschinen bauen.

Chinas Vorstellungen reichen weiter

Auch China stellt sich auf schrumpfende Jahrgänge im Militär ein. Beide Länder haben eine starke Robotikindustrie. In Südkorea gehört der Hyundai-Konzern mit Boston Dynamics zu den bekanntesten Entwicklern humanoider Roboter. In China erregt etwa Unitree mit vergleichsweise günstigen Maschinen Aufsehen. Wie stark das chinesische Militär auf diese Kombination aus Personaldruck und technologischem Potenzial setzt, zeigt eine Reuters-Recherche.

Eine Auswertung von mehr als 100 Ausschreibungen, Studien, Patenten und Behördenunterlagen ergab, dass China bereits konkret über den Einsatz humanoider Roboter im Gefecht nachdenkt. Die Szenarien reichen von Aufklärung und Logistik hin zum Häuserkampf.

Forscher der National University of Defense Technology in China entwarfen 2025 ein Szenario, in dem sechs "Kampfroboter" - darunter humanoide Maschinen, Roboterhunde und unbemannte Fahrzeuge - gemeinsam mit Soldaten ein besetztes Gebäude systematisch räumen. Belege dafür, dass bewaffnete humanoide Roboter bereits in aktiven Einheiten eingesetzt werden, gibt es nicht. In fünf bis zehn Jahren könnte diese Technik jedoch verfügbar sein.

Bislang ist China allerdings noch weit von einer Armee aus Robotern entfernt. Außerhalb kontrollierter Demonstrationen sind die Maschinen zu energieintensiv und unzuverlässig. Manches, was auf den ersten Blick wie eigenständig agierende Roboter aussieht, erweist sich zudem als weit weniger spektakulär, weil es komplett aus der Ferne von Menschen gesteuert wird. 

Medienwirksame Demonstrationen sollten deshalb nicht mit dem tatsächlichen Einsatz unter Gefechtsbedingungen verwechselt werden. "In einer hoch unstrukturierten Umgebung haben Sie bei Versuchen mit Robotern, wenn Sie Glück haben, eine Erfolgsrate von 60 Prozent", sagt Robotik-Experte Alexander König im Gespräch mit ntv.de. König ist Professor für Robotik an der TU München und Verantwortlicher für das Pflegeroboter-Projekt Garmi. Für einen Roboter, der Wäsche sortiert, mag das reichen, sagt König. "Wenn der Roboter jedoch eine Waffe in der Hand hat, ist das nicht mehr trivial."

Für Maschinen ist das Gefechtsfeld eine denkbar schlechte Umgebung. In einer Fabrik lassen sich Wege und Abläufe kontrollieren, im Kampf jedoch nicht. "Das Militärische ist genau das Gegenteil", so König. Es gebe "eine Menge Chaos und unvorhergesehene Situationen".

Darum ist der menschliche Körper das Vorbild

Die menschliche Gestalt hat einen entscheidenden Vorteil: Sie passt zu der Welt, in der sie eingesetzt werden soll. Ein Humanoid kann Türen öffnen, Treppen steigen, Werkzeuge benutzen und Gegenstände tragen. Er könnte in einen Lastwagen einsteigen, Kisten ausladen und sie über eine schmale Treppe in einen Keller bringen. "Humanoide sind generell überall dort nützlich, wo der menschliche Formfaktor gefordert ist", sagt der Experte Frank Sauer, Experte für militärische Robotik und KI, ntv.de. Sauer lehrt an der Universität der Bundeswehr München.

Das heißt jedoch nicht, dass zweibeinige Roboter für jede Aufgabe die beste Lösung sind. Für die Aufklärung aus der Luft beispielsweise ist eine Drohne besser geeignet, für den Transport ein Kettenfahrzeug und für andere gefährliche Aufgaben ein Roboterhund, wie Sauer ausführt.

Militärisch sind "andere Roboter" schon weiter

Auch Deutschland steht vor einem Personalproblem. Aktuellen politischen und militärischen Zielvorgaben zufolge fehlen der Bundeswehr rund 80.000 bis 87.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. Wie Sauer feststellt, gewinnen jedoch nicht humanoide Roboter, sondern vor allem unbemannte Systeme an Bedeutung. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Loitering Munition: Einwegdrohnen, die Ziele erkennen und auch dann noch selbstständig anfliegen können, wenn die Verbindung zum bedienenden Soldaten abreißt. Diese wirken womöglich weniger spektakulär als ein zweibeiniger Roboter, zeigen aber bereits die Logik hinter dieser Entwicklung: Maschinen müssen weder essen noch schlafen - und sie können Aufgaben übernehmen, bei denen Menschen ihr Leben riskieren würden.

Bei allen KI-gestützten, unbemannten Systemen stellt sich die Frage, wie viel Entscheidungsspielraum das Militär Maschinen überlassen sollte. Für die Bundeswehr gilt: Ein pauschales Nein zu autonomer Technik gibt es nicht. Den entsprechenden Rahmen hat das Bundesverteidigungsministerium im Sommer mit einer KI-Leitlinie erstmals geschaffen. Demnach soll KI vor allem bei der Informationsverarbeitung und Zielerkennung unterstützen. Bei kritischen Entscheidungen sollen menschliche Urteilskraft und Kontrolle hingegen unverzichtbar bleiben.

Bei humanoiden Robotern steht Deutschland noch ganz am Anfang. Experte Sauer hält erste militärische Anwendungen in der Bundeswehr innerhalb der nächsten zehn Jahre dennoch für realistisch - beispielsweise in der Logistik, bei der Kampfmittelräumung, im Wachdienst oder bei der Bergung Verwundeter. Ein solcher Einstieg wäre weniger spektakulär als ein Roboter im Häuserkampf, aber mit Blick auf den technischen Fortschritt militärisch plausibler, so Sauer. Humanoide Roboter werden hierzulande also vorerst eher keine Kampfmaschinen sein.

Die Armee ist nur eine Nische

Der entscheidende Entwicklungsschub bei humanoiden Robotern wird aus der zivilen Wirtschaft kommen - und nicht vom Militär. Denn dort liegt der weitaus größere Markt: Maschinen, die greifen, tragen und sich in menschlichen Arbeitsumgebungen zurechtfinden können. Je zuverlässiger sie werden, desto zahlreicher könnten sie in Fabriken und Logistikzentren eingesetzt werden und menschliche Arbeit übernehmen - damit werden sie auch für das Militär interessant.

Auch für die Bundeswehr wird sich die Frage stellen, welche Aufgaben nicht mehr von Menschen erledigt werden müssen. Der Roboter am Steuer eines südkoreanischen Kriegsschiffs ist deshalb weniger ein Vorbote einer Armee aus Terminatoren als ein Hinweis auf ein nüchterneres Problem: Je knapper das Personal wird, desto interessanter wird jede Maschine, die menschliche Arbeit übernehmen kann.

View the original on n-tv

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.