Jurist über Diversität in Wissenschaft: „Damals waren die Hörsäle weniger bunt“

Ganz unterschiedliche Lebenswege: Anatol Dutta und Matteo Fornasier versammeln in ihrem Buch 35 Migrationsgeschichten von Rechtswissenschaftler:innen.
Foto: Jens Kalaene/dpa
taz: Herr Dutta, wie steht es um die Diversität in der Rechtswissenschaft?
Anatol Dutta: In der Rechtswissenschaft gibt es schon länger eine Diversitätsdebatte. Uns ist aufgefallen, dass Personen, die herkömmlich als „mit Migrationshintergrund“ bezeichnet werden, an dieser aktiv selten teilnehmen. Wir fanden deshalb die Vorstellung schön, dass sie einen Raum bekommen, um ihren persönlichen Blick zu teilen, auf ihren Werdegang und die Frage, wie die Herkunft ihre wissenschaftliche Arbeit geprägt hat.
Bild: Tobias Targosz
Im Interview: Anatol Dutta
ist Inhaber eines Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
taz: In ihrem Sammelband erzählen 35 Rechtswissenschaftler:innen von ihren Migrationsbiografien …
Dutta: Natürlich bilden wir von ihnen nur einen kleinen Teil ab. Alle Personen sind Professoren und Professorinnen. Mit dem Buch verfolgen wir aber auch überhaupt keinen normativen oder empirischen Anspruch, sondern wollen nur beschreiben und erzählen.
Buch und Lesung
Lesung „Wie Herkunft Rechtswissenschaft prägt“ mit den Herausgebern Anatol Dutta und Matteo Fornasier: Di, 27.10.., 18.30 Uhr, Hamburg, Bucerius Law School, Eintritt frei
Buch „Migrationsbiographien in der deutschen Rechtswissenschaft“, herausgegeben von Anatol Dutta und Matteo Fornasier, Mohr Siebeck, 711 S., 34 Euro; E-Book als Open Access frei verfügbar
taz: Sie haben Ihr Jurastudium in München im Jahr 1997 begonnen, heute sind Sie an derselben Universität Professor für Zivilrecht. Hat sich seitdem viel geändert, was die Diversität angeht?
Dutta: Ja, sehr viel. Damals waren die Hörsäle weniger bunt. Personen, bei denen die Migrationsgeschichte sichtbar war, gab es in meinem Semester nur wenige, etwa auch Matteo Fornaiser, der andere Herausgeber dieses Buchs. Mit ihm habe ich schon zu Studienzeiten in einer WG gewohnt. Wenn ich heute in den Hörsaal schaue, dann ist das anders, mittlerweile auch in den juristischen Berufen.
taz: Woran liegt das?
Dutta: Das schriftliche Staatsexamen wird ja oft kritisiert, aber der Grad an Gleichbehandlung, der durch die anonymen Klausuren garantiert wird, ist auf jeden Fall ein Vorteil. Dennoch mache ich weiterhin die Erfahrung, dass mich immer wieder Studierende mit Migrationshintergrund bei gewissen Fragen bewusst ansprechen und es Bedarf nach gezieltem Austausch mit Personen mit ähnlichen Erfahrungen gibt.
taz: Was ist Ihnen beim Lesen der anderen Biografien besonders aufgefallen?
Dutta: Erst einmal sind die Geschichten alle ganz unterschiedlich. Es gibt eben nicht den einen Migrationshintergrund. Die Lebenswege sind alle anders, genauso wie das subjektive Erleben. Ich selbst zum Beispiel mochte es immer, wenn mich jemand gefragt hat, wo ich herkomme, und fand es schade, wenn Leute Scheu hatten, das zu fragen. Andere wiederum finden diese Frage ungehörig. In vielen Beiträgen wird auch gefragt, ob man sich überhaupt als Mensch mit Migrationshintergrund fühlt, und sehr unterschiedlich beantwortet. Was mir bei der Lektüre außerdem aufgefallen ist, ist die Bedeutung der Familie – oder auch von einzelnen Lehrkräften und Personen, die einen gefördert haben. Ein roter Faden ist auch dieses Hin- und Herpendeln zwischen verschiedenen Welten.
taz: Ihr eigener Beitrag trägt den Titel „Hier zu Hause, ein fernes Land im Herzen“.
Dutta: Ich wollte damit genau diese emotionale Verbundenheit und Zerrissenheit zum Ausdruck bringen. Ich fühle mich hier in dieser Gesellschaft zu Hause, genauso wie meine Familie, meine Kinder. Aber ich habe diese andere Welt immer im Hinterkopf, der ich mich auch zugehörig fühle. Für mich ist das vor allem eine Bereicherung. Insgesamt ist das Buch sehr positiv, auch das ist mir bei der Lektüre aufgefallen.
taz: Wie war es für die Juraprofessor:innen, einen so persönlichen Text aufzuschreiben?
Dutta: Das war schon eine Herausforderung, aber offenbar auch eine Freude. So haben das eigentlich alle Mitwirkenden berichtet. Die meisten hatten Lust auf diese Selbstreflexion. Einfach mal ein bisschen über das eigene Leben nachdenken.
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