Metallteile in Süssigkeiten: Steckt ein Gewalt-Netzwerk dahinter?

- In Österreich, Deutschland und Ungarn sind mit Metallteilen präparierte Halloween-Süssigkeiten aufgetaucht.
- Acht Fälle sind in Österreich bekannt, in Deutschland mehr als 50.
- Die Behörden ermitteln wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und prüfen eine Verbindung zur Online-Szene «The Com».
Schokoriegel, Kaubonbons, Fruchtgummis und Smarties-Boxen: Nach und nach werden weitere Fälle bekannt, in denen Süssigkeiten mit Metallteilen manipuliert wurden. Eltern in Deutschland und Österreich wird weiterhin geraten, die an Halloween gesammelten Leckereien vor dem Verzehr sorgfältig zu kontrollieren.
In Österreich sind bislang acht Fälle bekannt, in Deutschland mehr als 50. Auch aus Ungarn wurden manipulierte Süssigkeiten gemeldet. Die Polizei ermittelt in allen drei Ländern unter anderem wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung. Laut «Heute» prüfen die österreichischen Behörden zudem einen möglichen Zusammenhang mit der Online-Gewaltszene «The Com».
Fälle in Deutschland:
Bremervörde (Niedersachsen): Eine Neunjährige biss auf einen Schokoriegel mit einer mindestens fünf Zentimeter langen Stecknadel und verletzte sich leicht an der Zunge.
Höxter (Nordrhein-Westfalen): Ein Familienvater entdeckte mit einem Metalldetektor eine Heftklammer in Eiskonfekt, das seine Kinder an Halloween erhalten hatten.
Kreis Giessen (Hessen): Ein zehnjähriges Mädchen spürte beim Essen eines Schokoriegels einen Nagel im Mund. Sie blieb unverletzt.
Schorndorf (Baden-Württemberg): Ein neunjähriges Mädchen fand eine Nadel in einem Marshmallow. Es blieb unverletzt.
Trebur (Hessen): Eine Zehnjährige bemerkte beim Essen eines Schokolutschers eine Sicherheitsnadel im Mund und spuckte sie aus. Sie blieb unverletzt.
Unterfranken (Bayern): Die Polizei meldete drei Funde: Nadeln in zwei Schokoriegeln sowie ein scharfkantiges Metallteil in einem Fruchtgummi. Verletzt wurde niemand.
Fälle in Österreich:
Linz-Oed (Oberösterreich): Ein Vater fand Nägel in Schokoriegeln und Kaubonbons, die seine Kinder an Halloween gesammelt hatten. Die Polizei warnte vorsorglich davor, in diesem Stadtteil gesammelte Halloween-Süssigkeiten zu essen.
Vöcklamarkt (Bezirk Vöcklabruck, Oberösterreich): Ein elfjähriges Mädchen entdeckte zwei Nadeln in den an Halloween gesammelten Süssigkeiten. Sie hatte bereits in eine der manipulierten Naschereien gebissen, blieb jedoch unverletzt.
Was ist The Com?
«The Com» (kurz für The Community) ist keine einzelne, zentral geführte Gewaltorganisation, sondern ein loses, international vernetztes Milieu im Netz. Die Mitglieder sind laut dem FBI oft sehr jung, das Netzwerk besteht vorwiegend aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von etwa elf bis 25 Jahren.
The Com hat keine einheitliche Führung. Es sind dezentrale Chatgruppen und Netzwerke; Personen können mehreren Gruppen angehören, Gruppen spalten sich oder entstehen neu.
Was wollen sie?
Die Motive sind unterschiedlich und oft nicht politisch geschlossen: Geld (Erpressung, Kryptodiebstahl), Kontrolle über Opfer, sexuelle Ausbeutung, Status bzw. «Clout» in der Szene sowie die Faszination für Gewalt und Chaos. Manche Teilgruppen benutzen rechtsextreme oder satanistische Symbolik – nicht zuletzt, um einschüchternd zu wirken.
Wie organisieren sie sich?
Typisch sind soziale Medien, Messenger, Gaming-Plattformen und private Gruppen. Behörden unterscheiden grob:
- Hacker/Cyber Com: Hacks, DDoS, SIM-Swapping, Ransomware, Daten- und Kryptodiebstahl.
- IRL/Offline Com: Doxxing, Swatting und teils reale Gewalt bzw. Gewaltvermittlung.
- (S)extortion Com: Grooming, sexuelle Erpressung, Missbrauchsdarstellungen sowie Zwang zu Selbstverletzung oder anderen Gewalttaten.
Die Struktur ist eher ein Konkurrenzsystem als eine Hierarchie: Anerkennung erlangen Beteiligte durch «Beweise» von Kontrolle, Gewalt oder technischen Angriffen. Besonders gefährdet sind junge und emotional verletzliche Menschen, die zunächst angesprochen, dann isoliert, erpresst und zu immer extremeren Handlungen gedrängt werden.
Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
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