Tessiner Grenze – Brissago: Auf den Spuren eines Weltkriegsflüchtlings

Das Foto wurde am 4. April 1944 in Cortaccio, oberhalb von Brissago, aufgenommen. Es zeigt sieben Geflüchtete, die von einem Schweizer Soldaten empfangen werden. Einer von ihnen ist Sydney Short. Der Neuseeländer war Pilot der britischen Royal Air Force. Heute, über achtzig Jahre später, ist sein Sohn Grant mit seinen beiden Töchtern aus Neuseeland angereist, um die Flucht seines Vaters während des Zweiten Weltkriegs besser nachvollziehen zu können.
Die Idee ist entstanden, als Briefe und Fotografien von Sydney Short gefunden wurden. Er selbst hat kaum über seine Erlebnisse gesprochen. Gemeinsam mit dem Historiker Raphael Rues konnte nun dieser Teil der Familiengeschichte rekonstruiert werden.
Shorts Flieger wurde in Nordafrika von den Nazis abgeschossen und er geriet in der Region Modena in Kriegsgefangenschaft. Nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 gelang ihm die Flucht. Er erreichte Mailand und später das Cannobinatal. Mit Unterstützung von Partisanen gelangte er schliesslich an die Schweizer Grenze ins Tessin – nach einem 15- bis 16-stündigen Marsch durch die Berge.
Diese Route haben damals die Geflüchteten oft ohne entsprechende Ausrüstung bewältigt. Wie schwierig das gewesen sein muss, wird auch Sydneys Sohn Grant bewusst: «Die steilen Berge, die sie nachts überqueren mussten, und auch die Kälte machen mich wirklich sprachlos», erzählt er dem Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz RSI.
Kein Einzelfall
Die Geschichte des Piloten Short ist nur eine von vielen, die mit der Grenze von Brissago verbunden sind. Zwischen September 1943 und August 1945 wurden allein im Abschnitt zwischen dem Gridone und Cortaccio 263 Flüchtlingsübertritte registriert. Im ganzen Südkanton waren es rund 30'000.
Eine Aufnahme war aber nicht garantiert. Wie Raphael Rues erklärt, konnten ehemalige alliierte Kriegsgefangene und italienische oder deutsche Deserteure in der Regel leichter einreisen, während viele Partisanen, Zivilpersonen oder jüdische Familien abgewiesen wurden.
Die ganze Reportage zu Sydney Short mit deutschen Untertiteln:
Eines dieser Schicksale schildert Carlo Bava. Sein Vater und sein Onkel flohen nach der faschistischen Wiederbesetzung von Cannobio im September 1944. Nachdem sie zunächst zurückgewiesen worden waren, versteckten sie sich in einem Stall. Der Besitzer unterstützte sie mit Essen und half ihnen schliesslich bei der Flucht in die Schweiz. «Wenn mein Vater diese Rettungsmöglichkeit nicht gehabt hätte, gäbe es mich nicht», so Bava.
Zurück zu Short: Im April 1944 wurde er in Bellinzona registriert und anschliessend rund sechs Monate in Bern interniert, ehe er zu den Alliierten zurückkehren und weiterkämpfen konnte. Für seinen Sohn Grant ermöglicht die Spurensuche, eine unbekannte Seite seines Vaters zu entdecken: «Für mich war er immer einfach mein Vater. Über diesen Abschnitt seines Lebens wusste ich nichts. Es fühlte sich an, als würde man die Büchse der Pandora öffnen.»
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