Krieg in der Ukraine – Wie die «Weissen Engel» Zivilisten aus dem Kampfgebiet retten

Hunderte Kilometer Anti-Drohnen-Netze, bombardierte Brücken, verbrannte Autos am Strassenrand: Das alles gehört für die Menschen zum Alltag, die im Osten der Ukraine nahe der Frontlinie leben.
In der Stadt Sumy, 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, kommt zu den Bombardierungen das permanente Summen der Drohnen hinzu.
Die Polizeihauptfrau Olena Stawytska hilft Zivilisten, die in umkämpftem Gebiet gefangen sind. Sie gehört zum Evakuierungsteam der «Weissen Engel», ein Spitzname, der sich auf ihre Rolle als Retter und auf die weisse Farbe ihres Fahrzeugs bezieht.
Bewaffnete Rettungskräfte
«Eines Morgens wurde ich angerufen, um eine Leiche zu bergen, die sich fünf Kilometer von der Grenze entfernt in der roten Zone befand», berichtet Stawytska dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). «Man sagte mir, ein Mann sei gerade durch einen Drohnenangriff in einem Dorf getötet worden. Als ich vor Ort ankam, atmete er noch trotz einer schweren Beinverletzung. Nachdem ich ihm einen Druckverband angelegt hatte, versprach ich ihm, dass er wieder tanzen werde. Er antwortete mir: ‹Ja, ich werde mit Ihnen tanzen.›»
Zwei «Weisse Engel» berichten von ihrer Arbeit an der Kriegsfront
Ihr Kollege Serhiy Tarasenko ist immer bewaffnet für den Fall, dass ihr Fahrzeug angegriffen wird. Er sagt: «Wir verwenden ein Gewehr, mit dem wir die Propeller einer Drohne beschädigen und ihre Flugbahn ablenken oder sie sogar im Flug zur Explosion bringen können, bevor sie uns angreift.»
Seit ihrer Gründung im Jahr 2024 haben die «Weissen Engel» mehr als 2400 Personen gerettet, darunter 500 Kinder.
Weiter südlich, bei Kramatorsk, evakuiert ein Team Tag und Nacht die letzten Bewohnerinnen und Bewohner aus Dörfern im Donbass, die noch unter ukrainischer Kontrolle stehen: ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen, die sich allein nicht fortbewegen können, oder Menschen, die mangels finanzieller Mittel geblieben sind.
Die «Weissen Engel» werden manchmal direkt von Drohnen angegriffen und müssen sie aus nächster Nähe zerstören.
Obwohl sie ständig Druck machen, sind die russischen Streitkräfte noch nicht in die Stadt Kramatorsk eingedrungen. Von den 150’000 Bewohnerinnen und Bewohnern aus der Vorkriegszeit befinden sich noch rund 35’000 Personen vor Ort.
Überstürzte Abreise
In Isjum, in der Region Charkiw, werden die Evakuierungen per Krankenwagen durchgeführt. Sacha Oleksander, ehemaliges Mitglied einer Spezialeinheit, hat vor vier Monaten als Fahrer begonnen. Er hilft sich mit einem Drohnendetektor, um russischen Angriffen auszuweichen.
Sobald der Konvoi in der Stadt ankommt, hat jeder Bewohner und jede Bewohnerin einige Sekunden Zeit, um die eigenen Sachen zu packen. Sie lassen ihr Zuhause und eine Fülle von Erinnerungen zurück, ohne zu wissen, ob sie je zurückkehren werden. Die Zivilisten werden dann an sichere Orte in Charkiw gebracht, wo ein Flüchtlingszentrum sie betreut.
«Ich habe vor meinen Kindern viel geweint, bevor ich ging», berichtet Viktoria. Sie hatte schon einmal vor den vorstossenden russischen Truppen fliehen müssen. «2022 stritten wir uns mit russischen Soldaten. Sie sagten uns, dass sie uns ‹befreien› würden. Aber uns wovon befreien? Von meinem Gemüsegarten? Von meinem Haus? Ich will das nicht ein zweites Mal erleben.»
Viktoria ist eine der mehr als drei Millionen Menschen, die innerhalb der Ukraine die Flucht ergreifen mussten.
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