25 Jahre Terroranschläge – Was blieb von der Einheit nach 9/11?

Dort, wo in New York einst die Zwillingstürme des World Trade Centers standen, erinnern zwei gewaltige quadratische Wasserbecken an die Terroranschläge. Wasser stürzt an den vier Seiten ununterbrochen fast zehn Meter in die Tiefe.
Rund um die sogenannten «Memorial Pools» sind die Namen der fast 3000 Opfer in bronzene Tafeln eingraviert. Menschen aus aller Welt besuchen die Gedenkstätte Ground Zero. Emily Murphy reiste aus dem Bundesstaat Oregon an. Es war ihr wichtig, diesen Ort ihrer Teenager-Tochter Ava zu zeigen.
Zwei Tage nach den Anschlägen hätte Emily eine Freundin in New York besuchen sollen. Stattdessen klebte sie mit Freunden am Bildschirm und versuchte zu begreifen, was geschehen war. Es sei eine verbindende Zeit gewesen, sagt sie: «Ich glaube, es war das letzte Mal, dass die USA so vereint waren, heute ist die Gesellschaft tief gespalten.»
Die Erinnerung trügt
Diese Erinnerung an die damalige Einheit ist stark, nicht nur bei Emily. Doch war dieses Bild wirklich so eindeutig? Robert Shapiro ist Professor für Politikwissenschaft an der Columbia University in New York und beschäftigt sich seit Jahren mit der politischen Polarisierung in den USA. Er sagt: «Ja, diese Einheit nach 9/11 war echt.» Die Beliebtheitswerte des amtierenden Präsidenten George W. Bush seien in die Höhe geschossen und es habe diesen «Rally 'round the flag»-Effekt gegeben, ein nationales Zusammenrücken wie während der Weltkriege.
Doch die heutige Erinnerung an diese Zeit sei verzerrt: «Diese Einheit bestand nur sehr kurz.» Schon bald traten die parteipolitischen Spaltungen wieder zutage. «Spätestens mit der Invasion des Iraks im März 2003 begann die Stimmung zu kippen», sagt Shapiro. «Es kam zu heftigen parteipolitischen Konflikten, insbesondere bei Fragen der nationalen Sicherheit und der Aussenpolitik.»
Die Spaltung war älter
Die politische Spaltung der USA habe sich allerdings bereits seit den 1970er-Jahren verstärkt, sagt Shapiro. Die Parteien seien ideologisch immer unterschiedlicher geworden. 9/11 sei vielmehr ein Moment gewesen, der diese Entwicklung vorübergehend überlagert habe. Es folgten der Irakkrieg und die Finanzkrise. 2008 wurde Barack Obama zum Präsidenten gewählt.
Donald Trump habe die Polarisierung schliesslich weiter verstärkt und beschleunigt und die Unzivilisiertheit der politischen Auseinandersetzung auf eine neue Ebene gehoben. «Wenn man Polarisierung anhand der parteipolitischen Unterschiede definiert, liegen diese Unterschiede auf einem Allzeithoch. Zugenommen hat aber auch die emotionale Abneigung gegenüber der anderen Partei», sagt Shapiro.
Keine neue Einheit
Die Frage nach dieser verlorenen Einheit ist am Ground Zero besonders präsent. Wer mit Menschen spricht, hört nicht nur Trauer, sondern auch politische Wut. Eine Einheit müsste aus dem politischen Alltag selbst entstehen, sagt Glenn Herbert. Er ist mit seiner Frau und seinen Enkelkindern aus Florida angereist. «Ich habe gehofft, die Menschen und die USA hätten aus den Terroranschlägen gelernt. Doch es ist traurig, denn alles ist nur schlimmer geworden.»
Emily Murphy geht so weit und sagt, die Gesellschaft sei so gespalten, dass sie glaube, nicht einmal ein ähnlicher Vorfall würde heute die Menschen so zusammenbringen wie damals.
25 Jahre nach den Terroranschlägen ist die Erinnerung an die Einheit geblieben. Das Vertrauen darauf, dass sie zurückkehren könnte, fehlt.
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