Pressefreiheit in Russland – Der «Novaya Gazeta» geht die Luft aus

Die renommierte russische Zeitung «Novaya Gazeta» stellt ihre Arbeit ein, wie sie am Freitag bekannt gegeben hat. Unter anderem wurde die Zeitung in westlichen Ländern bekannt, als vor zwanzig Jahren ihre Reporterin Anna Politkovskaya ermordet wurde. Dasselbe Schicksal ist fünf ihrer Kollegen und Kolleginnen widerfahren. Seit Beginn des russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gingen die russischen Behörden gegen die «Novaya Gazeta» vor. Tamina Kutscher ist freie Journalistin, kennt die Zeitung sehr gut und blickt zurück.
Tamina Kutscher
Freie Journalistin mit Schwerpunkt Russland
Tamina Kutscher ist freie Journalistin, Slawistin und Historikerin. Sie arbeitet unter anderem beim Deutschlandfunk, für das «Handelsblatt» und auf dpd.de. Sie war bis 2023 Gründungs-Chefredaktorin der Plattform decoder. Zurzeit arbeitet sie auch als Lehrbeauftragte des Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
SRF News: Was geht verloren, wenn es die «Novaya Gazeta» nicht mehr gibt?
Tamina Kutscher: Mit der «Novaya Gazeta» ist der letzte Leuchtturm unabhängiger Berichterstattung in Russland gefallen. Die Zeitung selbst hat die Meldung, dass sie nun aufhört, überschrieben mit: «Man hat uns umgebracht.»
Was hat die «Novaya Gazeta» ausgezeichnet?
Sie hat eine besondere Rolle im russischen Journalismus gespielt. Sie war seit der Gründung 1993 eine der wichtigsten unabhängigen Zeitungen des Landes. Sie hat über Korruption, Machtmissbrauch, Menschenrechtsverletzungen berichtet. Ihr Name bedeutet auf Deutsch: neue Zeitung. Sie stammt aus einer Zeit, als man auf ein demokratisches Russland hoffte. Die «Novaya Gazeta» hat in diesem Sinne gearbeitet, kritisch und allen Widrigkeiten zum Trotz.
Anna Politkovskaya ist eine Art Ikone der unabhängigen Berichterstattung in Russland.
Wer sind die bekanntesten Figuren dieser Zeitung?
Zentrale Figur der Zeitung ist Dmitry Muratov. Er war Mitbegründer und langjähriger Chefredakteur der «Novaya Gazeta». Heute ist er Herausgeber der Zeitung. Er hat 2021 den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen um die Wahrung der freien Meinungsäusserung erhalten. Diesen Preis hat er damals den sechs ermordeten Journalistinnen und Journalisten gewidmet.
Die bekannteste davon war sicherlich Anna Politkovskaya. Sie wurde am 7. Oktober 2006, also vor zwanzig Jahren, im Eingangsbereich ihres Moskauer Wohnhauses erschossen. Es waren ihre Recherchen über den Krieg in Tschetschenien und die Menschenrechtsverletzungen dort, die sie international bekannt gemacht hatten. Sie ist eine Art Ikone der unabhängigen Berichterstattung in Russland. Das wurde wieder klar in vielen Nachrufen, die auf die «Novaya Gazeta» verfasst worden sind.
Verboten wurde die Zeitung bis zuletzt nicht. Warum ist sie nun trotzdem am Ende?
Zum einen ist es so, dass die «Novaya Gazeta» ihre Druckmöglichkeiten und auch ihre Registrierung als Printmedium verloren hat.
Im September 2026 wurde die Zeitung als ausländischer Agent gelabelt.
Sie konnte deshalb nur noch online erscheinen, die Internetseiten wurden aber blockiert. Dmitry Muratov wurde 2023 als sogenannter ausländischer Agent eingestuft. Im September 2026 wurde die Zeitung selbst als ausländischer Agent gelabelt. Zu all dem kommt, dass der «Novaya Gazeta» die Redaktionsräume im Zentrum Moskaus gekündigt wurden. Die Zeitung nennt dies alles und sagt, dass es am Ende die russischen Behörden und Geheimdienste gewesen seien, die die Redaktion zur Einstellung der Arbeit gezwungen haben.
Was eine Exilredaktion zu Russland, das zunehmend zu einer Blackbox zu werden droht, leisten kann, ist nicht zu unterschätzen. Aber es ist ein Gradmesser, dass solche Berichterstattung im Land nicht mehr möglich ist.
Nach Beginn des Ukraine-Kriegs wanderte ein Teil der Redaktion dieser Zeitung aus und eröffnete in Riga eine Exilredaktion. Kann die Exilredaktion die russische «Novaya Gazeta» ersetzen?
Was eine Exilredaktion zu Russland, das zunehmend zu einer Blackbox zu werden droht, leisten kann, ist nicht zu unterschätzen. Aber es ist ein Gradmesser, dass solche Berichterstattung im Land nicht mehr möglich ist. Die Mitarbeitenden der «Novaya Gazeta sagen, sie hoffen, die «Novaya Gazeta» werde wieder auferstehen wie ein Phönix aus der Asche.
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