«Ich war im Jugendknast – heute habe ich Familie, ein Haus, Geld»

- Deniz (40) verbrachte seine Jugend im Heim und wurde mit 17 Jahren wegen Körperverletzung und Diebstahl verurteilt.
- Zwei Wochenenden im geschlossenen Jugendvollzug prägten ihn nachhaltig – er änderte sein Umfeld und absolvierte eine Lehre als Polymechaniker.
- Heute ist Deniz verheiratet, hat Kinder, ein Haus und arbeitet in der Finanzbranche.
«Im Kern war ich immer ein guter Mensch. Aber mein Weg war holprig», erzählt Deniz* (40), der in einer Gemeinde in der Schweiz lebt und in der Finanzbranche arbeitet. Da er nicht möchte, dass sein Arbeitgeber von seinen Schwierigkeiten in der Jugend erfährt, sind gewisse Daten angepasst worden, um seine Identität zu schützen.
Deniz wuchs als Sohn einer türkischen Einwanderin in einem Mehrgenerationenhaus auf dem Land auf. Sein Vater lebte im Ausland, zu ihm hatte er keinen Kontakt, das erste Mal sah er ihn mit 13 Jahren. «Meine Mutter hatte mit psychischen Problemen zu kämpfen, sie verbrachte viel Zeit in Institutionen.» Mutterfigur sei für ihn vor allem die jüngere Schwester seiner Mutter gewesen.
Umzug in den Plattenbau
Als Deniz zehn war, zogen er und seine Mutter aus dem Haus in einen Plattenbau. «Das funktionierte überhaupt nicht. Ich hörte kein bisschen auf sie.» Nach einem Jahr wurden die Behörden eingeschaltet, weil der damals elfjährige mit aggressivem Verhalten auffiel. «Ab da war ich bis ich volljährig wurde in einem Heim.»
Das Jugendstrafrecht in der Schweiz
Das Schweizer Jugendstrafrecht wurde seit den 1990er-Jahren institutionell und verfahrensrechtlich laufend angepasst. «Das Schweizer Jugendstrafrecht ist nicht einfach ein milderes Erwachsenenstrafrecht. Es hat im Kern eine andere Ausrichtung: Es geht um den Schutz und die Erziehung des Jugendlichen», hält Gian Ege, Assistenzprofessor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Zürich, im Gespräch mit 20 Minuten fest.
Die Distanz im Heim habe ihm geholfen. Doch nicht alles wurde besser. «Wenn jemand Mist baute, war ich immer dabei. Ich habe nie über die Konsequenzen nachgedacht.» Er sei nie einer gewesen, der Schlägereien angezettelt hätte. «Aber wenn man mich provozierte und das Fass überlief, hatte ich eine Kurzschlussreaktion. Ich kannte keine Grenzen mehr.» Er sei etwas pummelig gewesen und habe eine Brille getragen. «Die Leute haben mich oft unterschätzt.»
Urteil wegen Körperverletzung
Schlussendlich landete Deniz mit 17 Jahren vor dem Richter, der ihn wegen Körperverletzung und Diebstahl verurteilte. Das Urteil, welches 20 Minuten vorliegt: Deniz musste zwei Wochenenden im geschlossenen Jugendvollzug verbringen. «Es hört sich nicht nach viel an. Aber mich hat es nachhaltig geprägt.»
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Deniz sass 23 Stunden in seiner Zelle, eine Stunde am Tag durfte er sie verlassen. «Es gab im Zimmer nur ein Radio mit drei Sendern, die Lautstärke konnte nicht eingestellt werden.» Der Vollzug befand sich mitten in einer Stadt. «Ich konnte nichts sehen, aber ich hörte die Menschen draussen.» In diesem Moment habe er das erste Mal realisiert, dass seine Handlungen Folgen haben.
Deniz suchte sich neues Umfeld
Nach der Erfahrung suchte Deniz den Kontakt zu seinen Freunden von früher, bevor er in den Plattenbau zog. Das alte Umfeld liess er hinter sich. «Das hat mir sehr geholfen.» Er kam in ein betreutes Wohnen und machte eine Ausbildung als Polymechaniker.

Diese Zeit war für Deniz geprägt von Einsamkeit. «Meine Freunde waren alles Deutsche aus einem stabilen Umfeld. Ich hingegen hatte kaum Kontakt zu meiner türkischen Familie. Viele Freunde wohnten gratis zu Hause, während ich mit meinem Lehrlingslohn mein Leben finanzieren musste. Das war nicht immer einfach.»
Deniz betont, dass sein Aufwachsen seine Handlungen nicht entschuldigt. «Aber mit meiner Geschichte möchte ich aufzeigen, dass es Gründe geben kann, warum Jugendliche Schwierigkeiten haben.»
Beziehung stärkte ihn
Ebenfalls geholfen habe ihm die Beziehung zu seiner heutigen Frau, mit der er in seinen Zwanzigern zusammenkam. «Sie wuchs im Nachbardorf auf und wusste von meiner Vergangenheit, hat mich aber nie dafür verurteilt.» Ein Moment mit ihr bleibt Deniz bis heute in Erinnerung: «Damals waren wir noch nicht zusammen, aber gemeinsam in einem Club. Ich geriet mit mehreren Typen aneinander und nahm die Männer in den Schwitzkasten. Danach liessen sie uns in Ruhe.»
Kamst du in deiner Jugend mit dem Gesetz in Konflikt?
Seine heutige Frau blieb ruhig, sagte danach aber zu ihm: «Wenn ich noch einmal so etwas mitbekomme, dann bin ich weg.» Für Deniz sei klar gewesen, dass zu viel auf dem Spiel steht. «Seither habe ich mich nie mehr geprügelt.»
Der Weg in die Finanzbranche
Nach seiner Lehre bildete sich Deniz weiter und wechselte vor einiger Zeit in die Finanzbranche. Seit rund zwei Jahren, so Deniz, führe er ein sorgenfreies Leben: «Ich bin glücklich verheiratet, habe Kinder, ein Haus, ein schönes Auto.»
Auch heute gebe es noch Dinge, die ihn aus seiner Kindheit prägten. «Ich spüre manchmal noch eine Wut auf meine Mutter.» Gleichzeitig sagt er: «In mir gab es immer die zwei Seiten. Das prügelnde Heimkind und die anständige Person. Und ich habe gelernt, die erste Seite nicht mehr rauszulassen.»
*Name der Redaktion bekannt.
Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.
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