Gefahr durch Russland: Was macht Europa gegen hybride Bedrohungen?
Europamagazin
Stand: 12.09.2026 • 18:59 Uhr
Sabotage, Drohungen, Drohnen-Vorfälle: Wegen der wachsenden Gefahr durch hybride Angriffe rücken die europäischen Partner zusammen und versuchen, Härte zu zeigen. Kritiker vermissen jedoch ein gesamteuropäisches Konzept.
Von Olga Chladkova, ARD Brüssel
Mitte August fliegt ein US-geführter NATO-Verband ein großes, unangekündigtes Luftmanöver nahe der russischen Enklave Kaliningrad. Neben Kampfjets und AWACS-Aufklärern übt hier auch ein US-Spezialflugzeug für elektronische Kampfführung. Das Flugzeug kann Radar und Funksignale empfindlich stören.
Offiziell ist das Manöver nur Routine, doch das Signal ist klar: bis hierhin und nicht weiter. Denn das Manöver kommt zu einer Zeit, in der sich Europa bedroht fühlt wie lange nicht mehr.
"Eine neue Eskalation"
Der versuchte Drohnen-Anschlag am Flughafen von Leipzig/Halle gilt vielen in Europa als Weckruf, der die Partner auch politisch zusammenrücken lässt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nennt den Vorfall "eine neue Eskalation auf europäischem Boden", der Teil eines wachsenden Musters zunehmend gefährlicher Vorfälle sei.
Denn über Europa zog in den vergangenen Wochen eine ganze Welle mutmaßlicher Sabotageakte gegen Unterstützer der Ukraine: Ende August brennt es im Werk des polnischen Drohnenherstellers WB Electronics. Ministerpräsident Donald Tusk spricht von gezielter Sabotage, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Terrorismus.
Wenige Tage zuvor nimmt die slowakische Polizei drei mutmaßliche Brandstifter fest, die eine ukrainisch geführte Drohnenfabrik ins Visier genommen haben sollen. Auch aus Dänemark kommt eine ungewöhnlich deutliche Warnung: Der Inlandsgeheimdienst PET erklärt Anfang September, Russland bereite aktiv Sabotageakte gegen die dänische Verteidigungsindustrie vor.
Was ist ein "hybrides Angriffsszenario"?
Von einem hybriden Angriffsszenario sprechen Sicherheitsbehörden, wenn Hinweise darauf hindeuten, dass unterschiedliche Angriffsformen Teil eines gemeinsamen Vorgehens sein könnten - etwa Sabotage, Spionage, Cyberangriffe, Drohnenattacken oder Desinformation. Ziel ist es, einen Staat, seine Einrichtungen oder seine Gesellschaft zu schwächen, ohne die Schwelle eines offenen Krieges zu überschreiten. Die Urheber versuchen dabei häufig, ihre Beteiligung zu verschleiern.
Hybride Angriffe richten sich häufig gegen kritische Infrastruktur, also etwa gegen Flughäfen, Bahnstrecken, Energieversorger, Kommunikationsnetze oder Behörden. Gleichzeitig können sie auf die öffentliche Meinung zielen. Falschmeldungen und Desinformation sollen Verunsicherung auslösen und das Vertrauen in staatliche Institutionen schwächen. Kennzeichnend ist das Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen. Einzelne Vorfälle wirken oft unverbunden. Erst das Gesamtbild kann mögliche Zusammenhänge sichtbar machen.
Mit Informationen von Dietrich Karl Mäurer, ARD Hauptstadtstudio
Militärische Abwehr und politischer Druck
Europas Antwort erfolgt derzeit auf zwei Ebenen: militärisch abwehren und politisch Druck ausüben. Als Reaktion auf frühere Drohnen-Attacken ergriff die EU bereits vergangenes Jahr Maßnahmen, um ihre kritische Infrastruktur zu schützen. Mit dem sogenannten Drohnenwall, einem vernetzten System aus Sensoren und Abwehrmitteln, soll bis Ende 2026 ein flächendeckendes Überwachungsnetz geschaffen werden, das 2027 voll einsatzfähig sein soll.
Die EU-Außenminister wollen darüber hinaus politisch Druck auf Russland ausüben. Für Mitte Oktober ist ein neues Sanktionspaket geplant, das rund 1.600 weitere Personen und Organisationen umfasst. Getroffen werden soll vor allem der militärisch-industrielle Komplex Russlands.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europäischen Parlament, fordert, außerdem die in Europa derzeit eingefrorenen russischen Vermögen zu konfiszieren und der Ukraine zu geben. Zudem brauche es härtere Maßnahmen gegen die russische Schattenflotte. Nur so könne man Putin an den Verhandlungstisch zwingen.
NATO rüstet an Ostgrenze auf
Auch die NATO hat insbesondere an der Ostgrenze aufgerüstet. Nachdem mehrere russische Drohnen im September 2025 in Polen und im Baltikum eindrangen, hat die NATO die Luftverteidigung der Ostflanke von nationaler auf eine kollektive Verantwortung umgestellt. Seitdem wehren dort unter anderem deutsche, dänische oder französische Kampfjets im Rahmen der Operation "Eastern Sentry" immer wieder russische Drohnen und Marschflugkörper ab.
Ihr maritimes Pendant ist die Mission "Baltic Sentry", mit der die NATO seit 2025 in der Ostsee patrouilliert, um so Russlands Schattenflotte davor abzuschrecken, Unterseekabel und Pipelines zu beschädigen.
Ein gesamteuropäisches Konzept?
Neben den militärischen Manövern und der Aufstockung der Fähigkeiten benötige Europa allerdings ein gesamteuropäisches Konzept, wie es mit der hybriden Gefahr umgehen will, betont die ehemalige Chefstrategin der NATO, Stefanie Babst.
"Wenn man das Wort 'hybrid' immer wieder benutzt, dann ist das natürlich ein Stück weit eine Möglichkeit für einen politischen Entscheidungsträger, hier deeskalierend zu wirken. Der eigentliche Punkt ist aber, dass wir unsere Verteidigung gegenüber der Russischen Föderation und anderen autoritären Regimen, die mit solchen Methoden arbeiten, auf eine viel breitere gesamtgesellschaftliche Basis stellen müssen", sagt Babst.
Europa müsse seine Verteidigungsfähigkeiten gegen hybride Angriffe trainieren - so "wie wir das mit Panzern, Flugzeugen und Bataillonen tun". Doch diese Erkenntnis habe sich noch nicht durchgesetzt, meint Babst: weder in der NATO noch in der EU.
In Finnland hat sich diese Erkenntnis bereits durchgesetzt. In der Stadt Kuopio fand Anfang September die Übung "Shelter 2026" statt. Mehr als 2.000 Wehrpflichtige, Freiwillige, Studierende und Einsatzkräfte probten den Ernstfall inklusive Evakuierung der Bevölkerung und Nutzung von Schutzräumen. Das Szenario: ein Cyberangriff, der die Strom- und Wasserversorgung lahmlegt.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag im Europamagazin um 12:45 Uhr im Ersten.
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