Nie was gebrochen? Laut dieser Theorie verheisst das nichts Gutes

«Wenn du auch zu den Menschen gehörst, die sich noch nie was gebrochen haben, dann: Schlechte Neuigkeiten.» So steigt die deutsche Creatorin Schabeanack in ihr Video ein. Sie habe sich noch nie einen Knochen gebrochen und sei noch nie im Spital gelegen. Laut der «Broken Bone Theory» sei das der «spirituelle Ausgleich» für emotionalen Schmerz. Ihr Fazit: «Das ist ein schlechter Deal.»
Die Idee dahinter ist eine Art kosmisches Schmerzbudget: Wer körperlich verschont bleibt, muss dafür psychisch oder emotional mehr einstecken. Manche sehen in unversehrten Knochen sogar ein Zeichen dafür, dass eine höhere Macht die Person beschützt. Seit über einem Jahr kursiert der Begriff immer wieder auf Social Media. Einzelne Clips erzielen zweistellige Millionenreichweiten. Zig persönliche Geschichten zeigen, warum die Theorie bei so vielen hängen bleibt.
Wie sieht deine persönliche Bilanz bezüglich der Theorie aus?
«Hätte lieber die Knochenbrüche genommen»
Creator Alex Serna erkennt darin sein eigenes Leben. Er erzählt von Depressionen und schwierigen Erfahrungen in jungen Jahren. Dann sagt er: «Jetzt ergibt alles Sinn. Ich verbinde gerade die Punkte – und ich habe mir noch nie einen Knochen gebrochen.»
Vielen anderen geht es gleich: «Bin 37 und habe noch nie etwas gebrochen. Dafür psychisch komplett gebrochen, mehrmals. Hätte lieber die Knochenbrüche genommen», schreibt eine Userin. «55 und ungebrochen – dafür aber mit Therapeut», schreibt jemand. Und eine Userin meint: «Knochenbrüche sind nervig, aber psychische ‹Brüche› halten länger.»
Warum sich so viele wiedererkennen
Die Theorie lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Dass sie sich trotzdem für so viele treffend anfühlt, lässt sich psychologisch erklären. Ein möglicher Ansatz ist das sogenannte Meaning-Making, auf Deutsch etwa Sinnkonstruktion. Nach schwierigen Erlebnissen suchen Menschen oft nach einem Zusammenhang: Warum ist mir das passiert? Warum musste ich so viel durchmachen? Wir versuchen, Belastendes so einzuordnen, dass es in unsere Vorstellung vom eigenen Leben passt und nicht einfach zufällig oder sinnlos erscheint.
Hier setzt die «Broken Bone Theory» an. Sie verbindet zwei Dinge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, und lässt eine simple Geschichte entstehen: Mein Körper blieb heil, weil sich mein Schmerz anderswo gezeigt hat. Die Theorie gibt unsichtbarem Leid also eine vermeintliche Logik. Dass sie sich für manche passend anfühlt, macht sie aber nicht wahr.
Wissenschaftlich ist nichts dran
Notfallsanitäter Leo stellt die Idee in einem Video vor und stellt klar: «Es ist natürlich keine wissenschaftliche Theorie und dafür gibt es keinerlei Evidenz. Es ist eine spirituelle, philosophische Idee über Schmerz.»
Auch medizinisch gibt es keinen bekannten Mechanismus, der seelisches Leid gegen Knochenbrüche aufrechnet. Knochen brechen, wenn die auf sie einwirkende Belastung ihre Belastbarkeit übersteigt. Wie hoch das Risiko ist, hängt unter anderem von Knochendichte, Alter, früheren Frakturen, Ernährung, Bewegung, Krankheiten und bestimmten Medikamenten ab, hält die WHO fest. Manche User liefern die Gegenbeispiele gleich in den Kommentaren: «26 Knochenbrüche und Antidepressiva – ich glaube, ich habe das Memo verpasst», schreibt eine Person. Eine andere hat bisher Glück gehabt: «Keine Knochenbrüche und keine mentalen Brüche.»
Dass die Theorie wissenschaftlich nicht aufgeht, scheint ihrem Reiz kaum etwas anzuhaben. Sie erklärt zwar nicht, warum deine Knochen heil geblieben sind. Aber sie gibt unsichtbarem Schmerz eine Geschichte – und offenbar erkennen sich Millionen Menschen darin wieder.
Wie sieht es bei dir aus? Kannst du der Theorie etwas abgewinnen, obwohl sie wissenschaftlich nicht verhebt?
Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?
Hier findest du Hilfe:
Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen
Psyfinder, qualifizierte Fachpersonen in deiner Nähe
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Gloria Karthan (glo), arbeitet seit 2019 für 20 Minuten. Sie ist Mitglied der Redaktionsleitung und Leiterin des Lifestyle-Teams.
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