Wissenschaft und Politik – Warum die Politik nicht auf die Klimaerwärmung reagiert

All die Klima-Rekorde, die in Europa diesen Sommer gebrochen wurden: Die Wissenschaft hatte es vorausgesagt. Aber die Politik hat nicht mitgezogen. Um das komplizierte Verhältnis von Wissenschaft und Politik geht es im Dokumentarfilm «Fuck the planet – ist unser Klima noch zu retten?» des französischen Wissenschaftshistorikers Jean-Baptiste Fressoz.
Gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) sagt Fressoz: «Es ist nicht so, dass sie (die Politiker) nicht zuhören. Es ist vielmehr so, dass die Botschaft, die sie hören, lautet, dass der Klimawandel real ist, aber für die reichen Länder bewältigbar. Man wird sich daran anpassen können.»
So warnte Präsident Chirac vor 20 Jahren vor dem Klimawandel
Dieser Entscheid zur Anpassung, diese Resignation, ist nach Ansicht von Fressoz entscheidend, um die Untätigkeit gegenüber dem Klimawandel zu erklären.
Für seine Dokumentation hat der Historiker James Hansen ausfindig gemacht, den Klimatologen, der die erste grosse öffentliche Warnung vor der Klimaerwärmung aussprach. Das war 1988 im US-Senat, im selben Jahr, in dem das IPCC, der Uno-Wissenschaftsrat für den Klimawandel, gegründet wurde.
«Er war nicht naiv, er wusste sehr genau, dass es nicht einfach darum ging, dass er titanischen Lobbys gegenüberstand», erläutert Fressoz. «Es ging darum, die Struktur der ganzen Weltwirtschaft infrage zu stellen. Und das ist etwas, wozu kein Klimatologe und kein Wissenschaftler, so weitsichtig und überzeugend er auch sein mag, in der Lage ist.»
Von Jimmy Carter zu Donald Trump
Es gab Phasen, in denen die Politik offenere Ohren hatte für die Wissenschaft. In den USA forderte der ehemalige Präsident Jimmy Carter 1979, «keine unnötigen Reisen zu machen, Fahrgemeinschaften oder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen». Aber unter Ronald Reagan flaute das Interesse für den Klimawandel wieder ab.
Mit der Hitzewelle von 1988 kehrte das Thema zurück. Aber in den 1990er-Jahren schlug die Industrie zurück. Sie finanzierte verzerrte Studien und unterstützte klimaskeptische Experten, was Zweifel säte und die Bemühungen um eine Regulierung verlangsamte.
Die 1990er-Jahre waren von der fortschreitenden Globalisierung und Chinas wirtschaftlichem Aufholprozess geprägt. Die CO₂‑Emissionen explodierten.
Ein neuer Wendepunkt trat 2018 mit dem Erstarken der Klimastreiks ein. Diese weltweite Bewegung hatte ein Gesicht: jenes der schwedischen Schülerin Greta Thunberg. Und sie wirkte sich an den Urnen aus: eine grüne Welle, die sich 2019 in der Schweiz und in Europa manifestierte.
Dann kam die Corona-Pandemie und das Thema verschwand wieder. Heute wird die wichtigste Weltmacht von einem Präsidenten regiert, der den Klimawandel als Schwindel bezeichnet.
Wende der Politik in Europa
In Europa ist der Tonfall der Staats- und Regierungschefs ein anderer. «Es geht nicht darum, zwischen Abschwächung und Anpassung zu wählen. Wir brauchen beides», betonte EU-Kommissionspräsidentin Ursula van der Leyen kürzlich.
Heute warnt die wissenschaftliche Gemeinschaft vor dem Risiko, nur noch von Anpassung an den Klimawandel zu sprechen und nicht mehr genug für dessen Abschwächung zu tun. Laut dem IPCC ist die einst anvisierte Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad nicht mehr realistisch. Aber der Anstieg könne noch unter 2 Grad gehalten werden.
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