«Mein Vater lag stundenlang eingenässt im Bett – niemand half»

- Die Tochter eines 86-jährigen Patienten erhebt nach dessen Spitalaufenthalt schwere Vorwürfe.
- Sie kritisiert lange Wartezeiten bei der Pflege und mehrfach verschobene Operationen.
- Das Universitätsspital Basel verweist auf zahlreiche Notfälle und prüft den konkreten Fall.
- Der Berufsverband der Pflegefachpersonen fordert mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen.
Nach einem Sturz zog sich Giovanni (86) eine Brustwirbelfraktur zu. Seine Tochter Carmen spricht nach seinem Aufenthalt im Universitätsspital Basel von «unmenschlichen Bedingungen». Ihr Vater habe erst nach mehreren Hinweisen Unterstützung erhalten, stundenlang eingenässt im Bett gelegen und wegen verschobener Operationen lange nichts essen dürfen. «Da war mir klar, da ist zu wenig Personal», sagt die 55-Jährige zu 20 Minuten.
Giovanni wurde laut Carmen zunächst ins Kantonsspital Baselland in Bruderholz gebracht und danach ins Universitätsspital Basel verlegt. Dort habe es noch Behandlungskapazitäten gegeben, erzählt sie.
Mehrfach darauf hingewiesen
Besonders belastend seien die Stunden vor der geplanten Operation gewesen. «Schon da hatte er sich eingenässt. Ich musste bei beiden Spitälern mehrmals darauf hinweisen, bis ihn das Personal am späten Abend säuberte», sagt Carmen. Ihr Vater habe von Donnerstagmittag bis Freitagabend nichts gegessen. Weil ihm wiederholt ein neuer Operationstermin genannt worden sei, habe die Familie jeweils mit einem baldigen Eingriff gerechnet.
Erst auf Nachfrage habe Carmen erfahren, dass die Operation erneut nicht stattfinden werde. Dadurch habe ihr Vater nochmals fast 24 Stunden nichts essen können. Das sei für ihn gefährlich gewesen, sagt sie. «Er wurde immer schwächer und war noch immer bettlägerig.»
«Das Spital ist überlastet, sodass es unangenehm für uns alle ist.»
«Wir haben uns gefragt, was machen Patienten, die keine Verwandten haben, die helfen?», sagt die Baslerin. Aus Sorge um ihren Vater wandte sie sich an Regierungsrat Lukas Engelberger und das Gesundheitsdepartement Basel-Stadt. Wie 20 Minuten vorliegende Unterlagen zeigen, wurde daraufhin eine Überprüfung der Behandlungsqualität veranlasst. «Das Spital ist überlastet, sodass es unangenehm für uns alle ist», so Carmen. Sie wünsche sich bessere Abläufe und eine klarere Kommunikation.
Unispital Basel prüft den Fall
Das Universitätsspital Basel bedauert den belastenden Aufenthalt und zeigt Verständnis für die Sorge der Familie. Am betreffenden Wochenende habe es viele Notfälle gegeben, schreibt Mediensprecherin Caroline Johnson auf Anfrage. «In solchen Situationen werden Operationen nach medizinischer Dringlichkeit priorisiert, damit Menschen in lebensbedrohlichen Situationen sofort behandelt werden können.»
Das Spital nehme die Schilderungen der Familie ernst, prüfe den Fall und kläre ab, ob Abläufe und Kommunikation verbessert werden müssen.
Pflegeverband fordert mehr Personal
«Die Spitäler sind überlastet, das Pflegepersonal muss oft entscheiden, zu welchem Alarm es geht – und für genügend Personal ist kein Geld da», sagt Pierre-André Wagner, Leiter Rechtsdienst beim Schweizer Berufsverband der Pflegefachpersonen (SBK) auf Anfrage.
«Ein Qualitätszertifikat ist oft das Papier nicht wert, auf dem es steht.»
Wagner sagt, wer bessere Qualität in Spitälern wolle, müsse genügend Personal finanzieren. Von Qualitätsprüfungen allein hält er wenig: «Ein Qualitätszertifikat ist oft das Papier nicht wert, auf dem es steht.» Als zentrale Punkte nennt er mehr Ausbildungsplätze, bessere Arbeitsbedingungen und genügend Mittel für eine sichere Pflege.
Regierungsrat räumt Belastungsspitzen ein
Lukas Engelberger, Regierungsrat des Gesundheitsdepartements Basel-Stadt, betont, die Spitäler blieben trotz hoher Belastung leistungsfähig. Gleichzeitig räumt er ein: «Aufgrund einer ungleichmässig verlaufenden und teilweise sehr hohen Nachfrage und der anspruchsvollen Situation auf dem Arbeitsmarkt kann es allerdings zu Belastungsspitzen kommen.»
Pina Olivia Wiemer (pow) arbeitet seit 2026 für 20 Minuten. Sie ist seit Mai 2026 Praktikantin bei der Lokalredaktion Basel.
Zoé Stoller (sto) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten und ist stellvertretende Leiterin des Ressorts Regionen.
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