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Thursday, October 29, 2026

Spanien in Trauer – Tränen, Wut und Verunsicherung nach verheerendem Zugunglück

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Bei einem Zugunglück südlich von Madrid sind mindestens 69 Menschen ums Leben gekommen. Ministerpräsident Pedro Sánchez rief eine dreitägige Staatstrauer aus und versprach, die Ursache vollständig aufzuklären. In die Trauer mischt sich Wut: In Madrid kam es zu Protesten gegen die Regierung – insbesondere gegen den Verkehrsminister. Die Journalistin Julia Macher über die Stimmungslage in Spanien.

Julia Macher

Freie Journalistin in Barcelona

Julia Macher lebt in Barcelona und berichtet für verschiedene Medien aus Spanien.

SRF News: Was beschäftigt die Menschen nach dem Unglück?

Julia Macher: Es ist eine Mischung aus tiefem Mitgefühl und einer ebenso tiefen Verunsicherung. Das Mitgefühl spürte man an den Gedenkminuten, die es an vielen Bahnhöfen gab. Den Menschen liefen die Tränen übers Gesicht. Man sieht es auch an der Welle der Hilfsbereitschaft. Viele sind den Aufrufen zu Blutspenden gefolgt oder haben Angehörige beim Warten auf Nachrichten von ihren Liebsten mit Essen und Getränken versorgt.

Die Verunsicherung spürt man, wenn man mit den Menschen spricht. Viele haben Angst. Es war bereits das zweite schwere Unglück im spanischen Hochgeschwindigkeitsnetz in diesem Jahr. Erst im Januar sind bei einer Kollision von zwei Zügen im andalusischen Adamuz 46 Menschen gestorben. Wegen einer gebrochenen Schiene war damals ein Zug entgleist. Diesmal scheint es vor allem um eine Abfolge menschlicher Fehlentscheidungen zu gehen.

Es gibt aber auch bereits weitergehende Kritik. Worauf richtet sich diese?

Es geht um zwei miteinander verknüpfte Stränge. Zum einen um die Zuverlässigkeit und Aktualität der Sicherheitssysteme auf der Strecke Sevilla und Madrid, wo es zu dem Unfall kam. Dieses LZB-System, das aus Deutschland stammt, galt als relativ zuverlässig, aber veraltet. Es sollte erneuert werden. Weil dieses System am Mittwoch ausgefallen ist, wurden Anweisungen an die Lokführer von der Leitstelle ausgegeben – auch die falschen Signale, die zu dem Unfall geführt haben.

Eng damit verknüpft ist die Debatte um die Auslastung des Netzes. Das spanische Hochgeschwindigkeitsnetz ist das grösste in Europa. Es galt lange als Erfolgsmodell mit ständig steigenden Passagierzahlen. 2021 ist es liberalisiert worden. Statt wie ursprünglich geplant nur die spanische Renfe fahren inzwischen drei Anbieter auf dem Netz. Allein auf der Strecke Madrid-Sevilla haben sich die Passagierzahlen seit der Privatisierung verdoppelt.

Die Wohnungsnot, die Migrationskrise in Ceuta und gerade auch das Zugunglück setzen Premier Sánchez erheblich unter Druck.

Mehr Passagiere bedeuten mehr Züge – und eine stärkere Belastung der Infrastruktur. Damit steigt auch der Stress und der Druck auf die Mitarbeiter. Experten fordern schon seit langem höhere Investitionen in Wartung und Modernisierung sowie eine Anpassung der Protokolle im spanischen Zugverkehr.

Am Mittwochabend kam es vor dem Verkehrsministerium in Madrid zu Protesten, zum Teil auch zu Ausschreitungen. Wie gross ist der Druck auf die Regierung von Ministerpräsident Sánchez, rund einen Monat vor den Neuwahlen?

Er ist gross. Bisher versucht vor allem die rechtsextreme Vox, aus dem Unglück politisches Kapital zu schlagen. Sie hat als einzige Partei die Wahlkampftermine nicht abgesagt. Aber auch die anderen Oppositionsparteien erhöhen den Druck. Der Chef der konservativen Partido Popular fordert personelle Konsequenzen, sprich den Rücktritt eines der politisch Verantwortlichen. Der Zustand der Infrastruktur könnte zu einem bestimmenden Thema im Wahlkampf werden. Die Wohnungsnot, die Migrationskrise in Ceuta und gerade auch das Zugunglück setzen Sánchez erheblich unter Druck.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

In einer früheren Version des Artikel war die Zahl der Todesopfer fälschlicherweise mit 74 angegeben. Bestätigt sind jedoch bisher 69.

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