Nowitschok vergiftete Nawalny – jetzt ist sein Entwickler tot

- Der russische Chemiker und Nowitschok-Mitentwickler Wladimir Uglew ist mit 81 Jahren gestorben.
- Uglew warf dem Kreml vor, das hochgiftige Nervengift gegen Regimegegner einzusetzen.
- Nowitschok wurde unter anderem bei den Giftanschlägen auf Alexei Nawalny und Sergej Skripal eingesetzt.
- Weiter gab es Zufallsopfer. Eine Übersicht.
Der russische Chemiker Wladimir Uglew ist tot. Er ist einer der Väter des Kampfstoffs Nowitschok. Laut der russischen Investigativplattform «The Insider» starb er bereits am 26. Oktober unter ungeklärten Umständen. Uglew wurde 81 Jahre alt. Uglew beschuldigte den Kreml, das von ihm mitentwickelte Gift für Anschläge auf Regimegegner eingesetzt zu haben.
Woher kannte man ihn?
Anfang der 1990er-Jahre sprachen russische Forschende erstmals öffentlich über das sowjetische Programm zur Entwicklung von Nervenkampfstoffen. Einer davon war Uglew. 2018 wurde er erneut zum Medienthema, als er in Anapa im Süden Russlands von einem Auto erfasst und schwer verletzt wurde. Medienberichten zufolge ging er damals davon aus, dass es sich bei dem Vorfall um einen Unfall gehandelt habe und nicht geplant gewesen sei.
Was ist Nowitschok?
Bei Nowitschok (zu Deutsch: Neuling) handelt es sich um eine Gruppe von hochgiftigen Nervenkampfstoffen, die in etwa 100 Varianten vorkommen. Je nach Variante sowohl in fester, flüssiger als auch pulveriger Form. Entwickelt wurde das Gift in den 1970er- bis 1990er-Jahren in der Sowjetunion. Dies mit dem Ziel, ein Gift zu erschaffen, das mit gängigen Nato-Methoden nicht nachweisbar ist und das von Schutzkleidung nicht abgehalten werden kann.
Nowitschok gehört zu den sogenannten binären Kampfstoffen. Das bedeutet, dass die einzelnen Bestandteile getrennt voneinander gelagert werden können. Für sich allein sind sie vergleichsweise ungefährlich, was die Handhabung erleichtert. Erst durch ihre Kombination entsteht ein hochgiftiger Nervenkampfstoff, der bereits in winzigen Mengen tödlich wirken kann. Die Nowitschok-Variante A-230 soll etwa fünf- bis achtmal giftiger sein als die Nervenkampfstoffe Sarin und VX. Mit Letzterem wurde im Februar 2017 der Halbbruder von Kim Jong-un getötet.
Nicht nur in der Theorie: Mit Nowitschok wurde bereits getötet
Andrej Schelesnjakow, 1987
Als erstes bekanntes Nowitschok-Opfer gilt der sowjetische Wissenschaftler Andrej Schelesnjakow, der mit Nowitschok arbeitete. Sein Leiden und Tod waren ein Unfall. Durch die Fehlfunktion eines Abzugs in seinem Labor wurde er 1987 Spuren von Nowitschok 5 ausgesetzt. Er verlor sein Augenlicht, lag Wochen im Koma und hatte jahrelang mit den Folgen zu kämpfen, bis er 1992 verstarb. «Er hat sich noch fünf Jahre lang gequält, dann ist er gestorben», erzählte Nowitschok-Mitentwickler Wil Mirsajanow dem deutschen «Stern». Schelesnjakow soll nach dem Vorfall unter anderem an Hepatitis, Leberzirrhose, Epilepsie und anhaltender Muskelschwäche gelitten haben.
Alexei Nawalny, 2020
Der russische Oppositionelle ist eines der bekanntesten Opfer des Nervenkampfstoffs. Er wurde im August 2020 laut mehreren voneinander unabhängigen Laboren mit einem Nowitschok-artigen Nervenkampfstoff vergiftet, überlebte jedoch zunächst. Mirsajanow vermutete im Gespräch mit dem «Stern», es könnte sich um den Stoff gehandelt haben, der als A-242 bekannt ist. Das Gift soll ihm über die Unterhose zugeführt worden sein. Nawalny wurde damals in Deutschland behandelt und überlebte.
Der Kremlkritiker verstarb 2024 im Straflager «Polarwolf» im nordrussischen Charp. Offiziellen russischen Angaben zufolge starb er plötzlich eines natürlichen Todes. Doch es gibt Hinweise, dass er auch da vergiftet wurde – mit Epibatidin.
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Sergei und Julia Skripal, 2018
Im März 2018 wurden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia (damals 33) in einem Shoppingcenter im englischen Salisbury Opfer eines Anschlags mit dem Kampfstoff Nowitschok. Analysen ergaben, es war die Nowitschok-Variante A-234. Die beiden wurden bewusstlos auf einer Bank vor dem Einkaufszentrum aufgefunden. Die beiden hatten Glück im Unglück. Sie überlebten dank aufwendiger Behandlungen (siehe Box) schwer verletzt. Julia Skripal soll die Therapie als «invasiv, schmerzhaft und bedrückend» bezeichnet haben. Die von Nowitschok ausgelösten Qualen bezeichnete Mirsajanow damals gegenüber der «Daily Mail» als «reine Folter». Sogar in niedriger Dosierung dauerten die Schmerzen wochenlang an. «Man kann sich das Grauen nicht vorstellen.»
So werden Nowitschok-Opfer behandelt
Als Gegenmittel gilt Atropin. Dieses stammt von der Tollkirsche und stoppt die von dem Kampfstoff ausgelöste Reizüberflutung im zentralen Nervensystem. Dabei gilt wie nach allen Nervengift-Einsätzen: Je schneller das Atropin verabreicht wird, desto grösser sind die Chancen auf Heilung. Doch auch wer dank des Atropins überlebt, muss sich auf schwere und bleibende Schäden einstellen.
Charlie Rowley und Dawn Sturgess, 2018
Der Giftanschlag auf die Skripals forderte auch Zufallsopfer. So kam es im Juni 2018 im nahen Amesbury zu einem weiteren Nowitschokvorfall. Ein britisches Paar, 44 und 45 Jahre alt, kam mit der später vom britischen Militär als Nowitschok identifizierten Substanz in Kontakt. Dawn Sturgess brach in ihrer Wohnung mit Schaum vor dem Mund zusammen. Kurz darauf verlor auch Charlie Rowley das Bewusstsein.
Beide hatten sich am Vortag in Salisbury aufgehalten, wo sie, wie später bekannt wurde, mit dem Gift in Berührung kamen. Dies über eine kleine Parfümflasche, die Ermittler im Haus der Betroffenen fanden. Der Mann erklärte, er habe sie am 27. Juni in einem Abfalleimer entdeckt und seiner Freundin geschenkt. Sturgess starb am 8. Juli 2018 an den Folgen der Vergiftung. Ihr Partner überlebte.
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Fee Anabelle Riebeling (fee) arbeitet seit 2014 für 20 Minuten. Sie ist stv. Leiterin Wissen/AI, Data und Leiterin des Fachgremiums Faktencheck & Verifikation.
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