The Jerusalem PostIsraeli passengers stopped, searched at Dutch airport as West Bank import crackdown beginsESPNSources: Rams' Garrett faces 6-week recovery, may be out until NovemberRTP DesportoJoão Félix ambiciona assistir Ronaldo para o golo 1000PunchAPC sweeps 17 chairmanship seats in Yobe LG pollESPN DeportesSerbia y Países Bajos buscan su primera victoria en la Nations LeagueInquirerTyphoon Queenie exits PARDaily MaverickOWN GOAL: Manchester City’s future in the air after reports of Premier League guilty verdictRadio-CanadaChampionnats du monde : les cyclistes sont arrivés à MontréalSRF NewsAbstimmung Kanton Zürich – Deutliches Ja zur Sterbehilfe-VorlageDeadline‘Musk’ Producer, Atwater-Magnific Exec & ‘Gods Don’t Give Gifts’ Director Talk AI: “It’s Important To Get In The Driver’s Seat” – Zurich SummittazVolksabstimmung in der Schweiz: Die Schwei­ze­r:in­nen lehnen „Neutralitätsinitiative“ abOnetSzwajcarzy odrzucili zaostrzenie neutralności. Referendum bez poparcia żadnego kantonu
The Daily Newsstand · Free, Always
Sunday, September 27, 2026

Fehlbares Zeugenschutzprogramm?: Der Staat vergisst, die Mafia nicht

Translate

Fehlbares Zeugenschutzprogramm?Der Staat vergisst, die Mafia nicht

618714769
Denise Cosco starb am 10. September, sie wurde 35 Jahre alt. (Foto: picture alliance / ipa-agency)

Der Suizid einer ehemaligen Mafia-Zeugin hat in Italien die Debatte über die Schutzmaßnahmen wieder angefacht. Der Vorsitzende des Zeugenverbands und der Autor Roberto Saviano erzählen über die schwierige Situation des Zeugen.

Am 10. September starb Denise Cosco nach einem Sturz aus dem Fenster ihrer Wohnung in Ariccia, nicht weit von Rom. Cosco war 35 Jahre alt. Ihr Leben war von Anfang an von der kalabrischen Mafia, der ''Ndrangheta" gebrandmarkt.

Ihr Vater Carlo Cosco hatte ihre Mutter Lea Garofalo ermordet. Danach hatte der erste Freund der jungen Frau auf Coscos Befehl den Leichnam verbrannt. Die Mutter musste sterben, weil sie gegen ihre Familie und die von Cosco, beide mächtige Clans, ausgesagt hatte. Das alles war kurz vor Denises 18. Geburtstag geschehen.

Mit 19 Jahren war es dann Denise, die gegen den Vater, den inzwischen Ex-Freund und die Familienmitglieder aussagte. Daraufhin kam sie in das Zeugenschutzprogramm, unter dem sie 13 Jahre lebte. 2018 wurde sie daraus entlassen, weil - so die offizielle Einschätzung - keine Gefahr mehr bestand.

Die quälende Warum-Frage

Coscos Tod hat Italiens Öffentlichkeit jetzt tief getroffen. Ihre Mutter und sie gelten als Symbolfiguren der Revolte gegen Macht, Brutalität und Unterdrückung der Mafia. Daher auch die Frage: War es Verzweiflung, die Cosco getrieben hat oder wurde sie dazu angestiftet? Immerhin hatte sie einen Lebensgefährten und mit diesem ein vierjähriges Kind. Um Klarheit zu schaffen, wurden Ermittlungen eingeleitet. Sie sind noch nicht abgeschlossen.

Ihr Tod hat das Thema Betreuung und Begleitung von Mafia-Zeugen wieder einmal in den Mittelpunkt gerückt. Wohlgemerkt, Mafia-Zeugen nicht Pentiti, also reuige Mafiosi, die beschlossen haben mit der Justiz zu kooperieren. Der Zeuge hat keine Straftat begangen, ist nicht Mitglied der organisierten Kriminalität, er sagt über Straftaten aus, von denen er weiß, denen er beigewohnt hat oder dessen Opfer er selbst geworden war.

Holprige Umsetzung

Die Zeitschrift "la vialibera", die von den Anti-Mafia-Verbänden Libera und Gruppo Abele verlegt wird, hat in den Tagen nach dem Tod der Frau Einblick in das im März 2018 novellierte Zeugenschutzgesetz gegeben. Zu den wichtigsten Punkten zählen die Umsetzung der Schutzmaßnahmen, die finanzielle Unterstützung sowie die soziale und berufliche Eingliederung der Zeugen und ihrer Familien. Falls die Gefährdung besonders groß ist, können die Zeuginnen und Zeugen auch an geheimen Orten untergebracht und mit neuen Identitäten ausgestattet werden. Diese Maßnahmen können sich auf einen Zeitraum von maximal sechs Jahren erstrecken, dürfen aber, falls die Gefahr weiter besteht, verlängert werden.

Die Novellierung des Gesetzes ist dem nationalen Zeugenverband "Associazione Nazionale dei Testimoni di giustizia" zu verdanken, wie Ignazio Cutrò ntv.de sagt. Er ist Präsident des Verbands, selbst ein Ex-Zeuge und stammt aus Bivona, einer Gemeinde in der Nähe der sizilianischen Stadt Agrigent.

Cutrò, heute 61 Jahre alt, war einst Bauunternehmer. Auf diesem Geschäftsfeld mischt die Cosa Nostra schon immer stark mit. Da er sich weigerte, den Pizzo, also Schutzgeld zu bezahlen, wurden immer wieder Anschläge auf seine Baustellen verübt. "Am 10. Oktober 1999 habe ich zum ersten Mal Anzeige erstattet" erzählt er. "In das Zeugenschutzprogramm wurden ich und meine Familie am 11. Januar 2011 aufgenommen." Kalendertage, die man nicht vergisst.

Solange man mit der nationalen Gendarmerie der Carabinieri und den Staatsanwälten zu tun hat, fühle man sich in Sicherheit, sagt Cutrò. Sobald jedoch das Innenministerium die Obhut übernimmt, fangen die Probleme an. "Es geht zum Beispiel um die Entschädigung infolge von wirtschaftlichen und psychischen Schäden, auf die die Zeugen einen Rechtsanspruch haben. Man muss sich aber mit Geduld und Ausdauer wappnen, damit man sie auch bekommt. Dann sind da die Mahnungen, Steuerrückstände zu begleichen. Womit aber? Der Zeuge hat nämlich oft keine Arbeit mehr und auch kein Geld." Das neue Gesetz schreibt jetzt vor, dass die Zeugen ein Recht auf einen Arbeitsplatz in der Öffentlichen Verwaltung haben. "Leider erfolgt die Umsetzung dieser Vorschrift eher langsam."

Wirklich keine Gefahr mehr?

Auch der Ausstieg aus dem Zeugenschutzprogramm stellt einen kritischen Moment dar. "Von da an bist du für das Innenministerium nur mehr ein ehemaliger Zeuge. Also ganz auf dich gestellt. Aber was heißt das? Haben die Mafiosi etwa versichert, uns nicht zu töten?", fragt Cutrò und erzählt von seiner persönlichen Erfahrung.

"Meine Familie und ich wurden am 11. Januar 2018 aus dem Programm verabschiedet, weil angeblich keine Gefahr mehr bestand." Ein wenig Angst hätten sie schon gehabt, freuten sich aber gleichzeitig darüber sich wieder frei bewegen zu können.

Ein paar Wochen später, am 23. Januar, fand eine große Razzia gegen Mafia-Mitglieder statt. Darunter waren auch zwei, die den Auftrag hatten, ihn zu ermorden. "Und ich werde 10 Tage vor der Razzia verabschiedet mit der Begründung es gebe keine Gefahr mehr?" fragt sich Cutrò.

Kein Wunder, dass er im Fall von Denise Cosco die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes nicht ausschließt. "Ich habe nämlich recht, wenn ich sage: Die Mafia vergisst nicht. Und deswegen sollte es keine Ex-Zeugen geben. Wer gegen die Mafia aussagt, hat ein Recht auf lebenslangen Schutz."

Die Mafia will die Rebellen isoliert wissen

Neben den bürokratischen Hürden ist jeder Zeuge auch mit seinen ganz persönlichen Dämonen konfrontiert. Der Schriftsteller Roberto Saviano schreibt davon, und er weiß, worum es geht. Seit der Veröffentlichung seines Buchs "Gomorrha" im Jahr 2006 steht er unter Personenschutz. In dem Buch hatte er die Machenschaften der Camorra offengelegt und die hat ihm dafür ewige Rache geschworen.

In seinem Beitrag zu Coscos Tod stellt Saviano die Einsamkeit und die Isolierung in den Vordergrund: "Die Mafia will, dass die Rebellen alleine bleiben", stellt er lapidar fest. Und das nicht nur, weil sie von ihrer Gemeinschaft ausgegrenzt und gemieden werden. Sie sollen auch kein Privatleben und keine dauerhafte Bindung haben, und sich nur unter strengen Schutzvorkehrungen bewegen dürfen. Außerdem "ist da das Angstgefühl, ein Überlebender zu sein und gleichzeitig eine Symbolfigur im Kampf gegen die organisierte Kriminalität", schreibt er.

Denise Cosco hatte sich mit 19 Jahren furchtlos gegen die Mörder ihrer Mutter gestellt. Als das Urteil zu lebenslanger Haft in allen drei Instanzen bestätigt wurde, "war das für sie wie ein Befreiungsschlag", schreibt Saviano. "Sie hoffte auf ein freies Leben. Was aber wirklich kam, war eine neue Stadt, ein neuer Name, 13 Jahre ohne ihre wahre Biografie, Jahre in denen sie sich niemandem anvertrauen konnte."

"[Erst] Jetzt darf ich dein Gesicht zeigen, deine wunderschönen Augen", schrieb Coscos Tante in einem Posting mit einem Foto nach ihrem Tod. Saviano stellt dazu fest: "Der Staat hat gelernt, den Körper zu beschützen, nicht aber das Leben." Treffender kann man es wahrscheinlich nicht zusammenfassen.

View the original on n-tv →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.