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Sunday, September 13, 2026

Missing Link: Glasfaserausbau – Inhouse-Verkabelung und die Wohnungswirtschaft

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Die Stadt Beelitz liegt im Südwesten von Berlin, das Umland ist berühmt für seine Spargelfelder. Als hier vor über 100 Jahren für Berliner und andere in einem Wald eine Lungenheilanstalt eingerichtet wurde, war noch nicht absehbar, welche Zukunft der im Wald an eine Bahnstrecke zugebaute Ortsteil Heilstätten haben würde. Nach Tuberkulose und giftgasgeschädigten Lungen kam erst ein Militärlazarett – und schlussendlich der Verfall. Heilstätten wurde im Internet vor allem als „Lost Place“ berühmt. Doch damit ist jetzt zumindest teilweise Schluss: Ein Teil von Heilstätten ist neu bebaut – oder wird es noch.

Ein Tochterunternehmen des größten deutschen Wohnimmobilienkonzerns Vonovia entwickelt das attraktive Gebiet. Hauptzielgruppe: Landflüchtende Großstädter, die dennoch eine Anbindung brauchen. Und zwar nicht nur den bis zu zweimal stündlich nach Berlin verkehrenden Regionalexpress und die Autobahn Berlin-Leipzig. Sondern eben auch: Glasfasernetze. So wie auch Kindertagesstätte und Ärzte das Leben vor Ort attraktiv machen sollen, soll hier besonders flottes Internet die Lebensqualität sicherstellen.

Zwischen vielen Neubauten, die den historischen Bauten nachempfunden wurden, steht mitten im Ortskern das ehemalige Heizkraftwerk mit einem imposanten Schornstein. Irgendwo in diesem Ensemble hat Synvia, ein Tochterunternehmen von Vonovia, seine Racks aufgebaut. Von hier aus wird das Internet verteilt. Jedes Haus wird mit Glasfaser angeschlossen: Gewerbe wie Arztpraxen und Supermarkt genauso wie die Grundschule und die Mehr- und Einfamilienhäuser, die hier neu gebaut oder kernsaniert wurden.

Missing Link

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Noch sind einige Ports der Racks frei, denn noch wird gebaut. 1 Gigabit ist das Maximum für Privathaushalte – und die Reserven sind ausreichend vorhanden, betonen die Zuständigen vor Ort in Beelitz, die den Reporter herumführen. Derzeitiger Kassenschlager beim Anbieter Synvia ist ein Tarif, der 375 Megabit pro Sekunde Minimum im Download und 187,5 im Upload garantiert, mit IP-Telefonnummer und Fernsehen. Bei 24 Monaten Mindestlaufzeit und 49 Euro ist das für viele Kunden kalkulierbar und attraktiv.

Nur wenige Meter weiter ist das nicht der Fall: Im Stadtkern von Beelitz hat 1&1 ausgebaut. Die Telekom will im Kern der Stadt ebenfalls Glasfaser anbieten, hat den Ausbau 2025 angekündigt. In manchen anderen Ortsteilen von Beelitz ist von Glasfaser nichts zu sehen – und das wird wohl auch so bleiben. Erst vor wenigen Wochen scheiterte der Versuch, eine ausreichende Anzahl der Bewohner zu einer Nachfragegemeinschaft zu bündeln: Es waren zu wenige Bürger, die am Ende zusammenkamen. Ganze 600 Anschlusswünsche reichten nicht aus.

Glasfaserausbau, das heißt in Deutschland derzeit: Flickenteppich. Und welche Umsetzungsidee am Ende tatsächlich das Licht erblickt, das hängt von vielen Faktoren ab.

Ein wesentlicher ist das Zusammenspiel zwischen Hauseigentümern und Anbietern. Die in den Beelitzer Heilstätten ausbauende Synvia ist dabei ein Sonderfall. Einmal, weil es sich dabei fast vollständig um ein Neubauprojekt handelt. Aber auch aus einem anderen Grund: der Anbieter ist eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Wohnen, die von Vonovia gekauft wurde. „Services“ heißt der Geschäftsbereich, mit dem Großvermieter auch im Telekommunikationsmarkt Fuß fassen wollen. Denn sie haben etwas, was Telekom, Vodafone und alle anderen gerne hätten: den Zugang und die Hoheit über die Gebäude und deren Infrastrukturen.

Damit sind sie Gatekeeper für die Endkunden. 100.000 von 530.000 Wohnungen habe Vonovia bereits mit Glasfaser erschlossen, 75 Prozent davon durch eigene Betreiber. „Wir setzen dabei sowohl auf Eigenausbau als auch auf Kooperationen“, berichtet ein Konzernsprecher. „Innerhalb der nächsten Jahre soll der überwiegende Teil der Bestände leistungsfähige Glasfaseranschlüsse erhalten.“ In den 530.000 Wohnungen, die Vonovia im Bestand hat, dürften auch heute bereits die meisten Mieter einen Internetzugang nutzen. Viele davon über Kupferleitungen wie DSL- auf dem alten Telefondraht oder über Koaxialkabel-Hausnetze. Beelitz-Heilstätten ist daher auch für Vonovia ein Sonderfall: Alles hier wird neu gemacht – eine Situation, die es woanders kaum gibt. Wer aber soll, wer darf jene Fasern, die die Welt bedeuten können, zu den Kunden legen?

Genau hier setzt die Überarbeitung des Telekommunikationsgesetzes an, die vor der Sommerpause vom Bundeskabinett verabschiedet wurde. Denn am Ende zählt für Investoren nicht, wie viele Kilometer Glasfaser verbuddelt wurden. Sondern wie viele Kunden Anschlüsse dann buchen und dann für ihre Anschlüsse regelmäßig zahlen. So wie Synvia für die Vonovia die „Take-Up-Rate“, also das Verhältnis der tatsächlich gebuchten Anschlüsse mit seinem 49-Euro-Tarif erhöhen will, so experimentieren auch andere Anbieter mit Schnupperangeboten. Das Ziel: die Nutzer an sich zu binden.

Ist die Wohnungswirtschaft dabei, sich auf Dauer hohe Renditen zu sichern, indem sie so wie zuvor beim Kabelprivileg erneut allein die Netzebene 4, die Netze im Haus, verantwortet und bewirtschaftet? Und damit in der Regel einem Anbieter überlässt, dem die Mieter dann ohne jeden Wettbewerb ausgesetzt sind? Vor allem mit der Perspektive, dass in den kommenden Jahren auch die Verfügbarkeit von Zugängen über die Kupferkabel nachlassen wird, weil sich deren Betrieb irgendwann für die Betreiber nicht mehr lohnt, geht es um einen gewaltigen Markt – mit stetigen Einnahmen.

Ein Blick an das andere Ende Brandenburgs, einmal quer durch Berlin. Schwedt an der Oder ist vor allem durch die Ölraffinerie PCK, das einstige „Petrolchemische Kombinat“, überregional bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt als sozialistische Planstadt weitgehend neu errichtet. „P2“ ist hier allgegenwärtig – jener Plattenbautyp, der für viele Stadtteile der DDR prägend wurde. Schon zu realsozialistischen Zeiten wurden hier Fernsehkabelleitungen gelegt, nach der Wende umgerüstet zu vollen Kabelanschlüssen in jede Wohnung. Genau diese Leitungswege sind es, die es eigentlich einfach machen, dort heute Glasfaser zu verlegen.

Eine späte Genugtuung für den der Zukunft zugewandten sozialistischen Massenwohnbau? Die Biege-Radien der Kabelkanäle sind für Lichtwellenleiter akzeptabel, das Licht bricht nicht. Doch bislang lag darin eben eine andere Infrastruktur: Koaxialkabel. Auch die ermöglicht schnelles Internet. Aber nicht ganz so schnelles wie die neuen Lichtwellenleiter, die noch lange Reserven haben. Und die lässt sich, berichten Fachleute, in den Bauten nun an einem einzigen Tag installieren. Die Stadtwerke Schwedt nutzen bei ihrem Ausbau die alten Kanäle: Koaxialkupferkabel raus, Mantel rein, Glasfaser hindurchblasen. So landen jeweils vier Fasern bei den Endkunden: zwei für ihre eigenen Angebote. Und zwei nicht beschaltete, die andere Nutzer anmieten könnten.

Die Stadtwerke und die Telekom haben zwar Gespräche geführt. Doch bislang gibt es hier keine Mitnutzung durch die Bonner. „Wir stellen verschiedene Vorleistungsprodukte diskriminierungsfrei zur Verfügung oder bieten auch die Mitnutzung vorhandener Infrastruktur zu marktgerechten Preisen an, sofern diese von Mitbewerbern angefragt werden“, erläutert eine Sprecherin der Stadtwerke Schwedt auf Nachfrage. Die konzentrieren sich erst einmal weiter auf ihren Glasfaserausbau. „Ende 2026 werden voraussichtlich rund 3.000 der etwa 13.000 Wohneinheiten im Stadtgebiet von Schwedt mit moderner Glasfasertechnik erschlossen sein“, erklärt eine Sprecherin. Die übrigen rund 10.000 Wohneinheiten seien derzeit noch über Koaxialkabel angebunden. Doch in gut drei Jahren soll das enden: In den Ortsteilen rund um die Stadt Schwedt seien bereits etwa drei Viertel der Objekte mit Glasfaseranschlüssen versorgt, so die Sprecherin. Bis 2030 sollen dann alle Kunden auf Glasfaser umgezogen sein.

Und doch soll auch in Schwedter Hausfluren gewerkelt werden. Denn wer nicht die Stadtwerk-Leitungen mitnutzen möchte, muss wohl oder übel eigene Leitungen verlegen. Die beiden großen Vermieter der Stadt, die stadteigene Wohnbauten Schwedt und die Wohnungsbaugenossenschaft Wobag warnen ihre Mieter und Genossen: die Telekom sei von ihnen nicht mit dem Ausbau der Glasfaserinfrastrukturen in den Wohnungen beauftragt, heißt es etwa auf der Website der „Wohnbauten Schwedt“. Zwar gebe es eine vertragliche Vereinbarung mit der Telekom – aber die betreffe nur den Hausanschluss und die Verlegung in den Fluren. Ganz ähnlich warnt auch die Wobag seit 2025 vor vorschnellen Vertragsschlüssen.

Immer wieder sorgen Geschichten darüber für Aufsehen, dass Vertreter im Auftrag der Telekom potenziellen Kunden mit ungenauen oder gar unwahren Behauptungen wie etwa einer angeblich anstehenden Abschaltung von Telefonanschlüssen zum Vertragsabschluss drängen würden. Solche Problemschilderungen kennt Erich Nolte nur zu gut. Bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg ist er für Glasfaserthemen zuständig. Hier seien DSL, VDSL und Kabel noch der Standardvertragsfall. Und damit wären solche Behauptungen oft besonders weit weg von der Realität. „Erst wenn mehr Ausbau stattfindet, wäre Abschaltung hier bei uns ein relevantes Thema“, berichtet Nolte aus dem Südwesten der Republik. Die „Kupfer-Glas-Migration“, wie die Nach-und-Nach-Abschaltung der Kupfernetze genannt wird, wenn Glasfaser verfügbar sein soll, ist hier derzeit noch Zukunftsmusik.

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