Die gestohlenen Kinder von Oleschky
Von russischen Soldaten verschleppt Die gestohlenen Kinder von Oleschky
Stand: 06.11.2026 • 18:48 Uhr
2022 verschleppten russische Soldaten Hannas Sohn Anton aus einem Heim in Oleschky. Eine niederländische NGO hilft bei der Suche - doch selbst wenn sie ihn findet, ist eine Rückkehr in die Ukraine nicht sicher.
Hanna Samyschliajewa kramt ihr Handy hervor und zeigt Fotos von ihrem Sohn Anton. Die Bilder sind alles, was ihr von ihm geblieben ist. Denn im Herbst 2022 wird der damals 20-Jährige von russischen Soldaten aus einer Einrichtung für Kinder und junge Erwachsene mit schweren Behinderungen in Oleschky verschleppt.
"Damals kontaktierte mich eine Krankenschwester aus Skadowsk", erinnert sich Samyschliajewa. Die Frau habe eine Sprachnachricht geschickt und darin davor gewarnt, zurückzuschreiben oder anzurufen, da der russische Geheimdienst FSB die Telefone streng überwache und es harte Strafen gebe. "Sie sagte mir, die Minderjährigen seien in Skadowsk. Und Anton sogar in Strilkowe." Skadowsk liegt etwa 60 Kilometer südlich von Oleschky und Strilkowe knapp 200 Kilometer südöstlich.
Die russischen Behörden, die Oleschky unter ihrer Kontrolle halten, rechtfertigten die Verlegung der Heimbewohner mit den Kampfhandlungen in der Region. Die ukrainische Armee hatte damals, im Herbst 2022, gerade die Regionalhauptstadt Cherson von den Besatzern befreit.
Neue Namen, wechselnde Aufenthaltsorte
Doch durch die Verlegung verlieren Eltern und rechtliche Vormünder den Kontakt zu den Kindern. "Ihre Namen wurden geändert. Die Unterlagen und medizinischen Untersuchungsberichte waren völlig verstreut", erklärt Mariam Lambert. Sie leitet die niederländische NGO Emile Foundation und beschäftigt sich seit Jahren mit der Verschleppung ukrainischer Kinder durch russische Behörden.
Es sei "wirklich schwierig" gewesen, die Verschleppten zu finden, berichtet Lambert - sie seien zunächst nach Pensa verlegt worden, "tief in die Russische Föderation", dann nach Skadowsk und nach Strilkowe - die Orte, die auch die Anruferin gegenüber Hanna Samyschliajewa benannt hatte. Einer aus dem Internat in Oleschky sei einer russischen Familie übergeben worden, einem russischen Soldaten auf der Krim.
"Es geht darum, die ukrainische Identität auszulöschen"
Der Fall des Heimes in Oleschky sei besonders kompliziert, sagt Lambert. Denn viele Bewohnerinnen und Bewohner mit geistigen und körperlichen Einschränkungen seien zum Zeitpunkt ihrer Verlegung bereits volljährig gewesen. Sie gelten bei den russischen Behörden somit als Erwachsene, obwohl sie aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht mündig sind.
"Das Ziel war es, diese ukrainische Generation, die ukrainische Kultur und Identität auszulöschen. Und das schließt auch Kinder mit Behinderung ein." Laut Lambert gehe es nicht darum, dass sie von Nutzen sein könnten. "Es geht darum, der Ukraine so sehr zu schaden, dass sie langsam verschwindet."
Nach Jahren der Ungewissheit, ohne jegliche Informationen oder gar ein Lebenszeichen ihres Kindes erhält Mutter Hanna Samyschliajewa plötzlich einen Anruf aus dem Büro des ukrainischen Ombudsmanns für Menschenrechte.
Dieser habe ihr gesagt, dass die russische Seite Kontakt aufgenommen hätte. "Anton sei in einem sehr kritischen Zustand und ich müsse in die besetzten Gebiete reisen, seinen Zustand beurteilen und die Genehmigung für seine Rückführung in die Ukraine erteilen. Ich dachte damals, das sei ein Scherz."
Samyschliajewa fährt nicht in die von Russland besetzten Gebiete. Sie glaubt an eine Falle - denn Belege dafür, dass es sich wirklich um ihren Sohn handelt oder dass er überhaupt noch am Leben ist, erhält sie nicht.
Ukrainische Behörden überfordert
Das Vorgehen der ukrainischen Behörden zeugt laut Experten davon, dass sie mit den vielfältigen Herausforderungen des Krieges überfordert seien. "Es kann nicht sein, dass man eine Mutter, die etwas absolut Schreckliches durchgemacht hat, dazu auffordert, die Last und Verantwortung zu tragen und nach Russland zu gehen - gänzlich ohne Schutz", sagt Lambert.
Die meisten Mütter, die dorthin gingen, müssten sich vom FSB befragen lassen, was absolut traumatisierend sei. Lambert und ihre Organisation fordern deswegen einen echten Rückführungsmechanismus. "Einen, der sehr erschwinglich und transparent ist und der sicherstellt, dass unabhängige Organisationen wie das Rote Kreuz und UNICEF Teil dieses humanitären Korridors sind, von dem wir sprechen."
In jahrelanger akribischer Arbeit gelang es der Emile Foundation, 46 von 69 Verschleppten aus dem Heim zu lokalisieren - in den von Russland besetzten Gebieten und Russland. Anton, da ist sich die Organisation sicher, befinde sich weiter in Strilkowe. Viele haben mittlerweile einen russischen Pass erhalten. Die Chancen, sie in die Ukraine zurückzubringen, sind gering. Dafür bräuchte es einen Drittstaat, der Druck auf Russland ausübe, meint Lambert.
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