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Friday, October 9, 2026

Lehrer, Vater, Sportler – Wenn andere aufgeben, fängt Giuseppe Palaia erst an

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«Palaia, ich habe Liebeskummer.» Wenn sich ein 20-Jähriger so an seinen ehemaligen Lehrer Giuseppe Palaia wendet, kann das als Vertrauensbeweis gewertet werden.

Seit Jahren unterrichtet Giuseppe Palaia (51) Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden. Früher sprach man von verhaltensgestörten Jugendlichen. Er nennt sie liebevoll «Verhaltenskreative».

«Du kannst mit ganz wenig ganz viel bewirken», sagt Palaia. Oft geht es nicht darum, sofort Lösungen zu präsentieren. Entscheidend sei, jemandem das Gefühl zu geben: Du bist hier richtig. Wir haben dich gern, so wie du bist. Gerade dann, wenn Jugendliche nach Rückschlägen wieder aufstehen, erlebe er die schönsten Momente seines Berufs. Dieses Gefühl von gemeinsamer Stärke, sagt Palaia, finde man in keinem Ratgeber. Ohne gemeinsame Stärke geht es auch in seinem Familienleben nicht.

Was wirklich zählt

Giuseppe Palaia hat seine Frau während seines Studiums kennengelernt, als er als Model Geld verdiente, um seine Ausbildung zu finanzieren. Seit 21 Jahren ist das Paar verheiratet und hat zwei Söhne, Adriano (17) und Lino (13). Die Geburt des Jüngeren wurde für die Familie zur Herausforderung und zur Lebensaufgabe.

Vier Personen sitzen an einem Tisch und spielen ein Brettspiel, mit einem Weihnachtsbaum im Hintergrund.
Legende: Als Adriano (links) in der fünften Klasse von Mitschülern gefragt wurde, ob er sich nicht einen «normalen» Bruder wünsche, antwortete er: «Was ist los? Ich habe einen normalen Bruder. Er ist einfach etwas behindert.» zVg

«Lino, was stimmt mit dir nicht?», fragte Giuseppe Palaia, als er das Baby nach einem Kaiserschnitt von der Ärztin in Empfang nahm. «Er kam mit einem dreieckigen Kopf zur Welt», sagt der Familienvater. Die Stirnplatten waren zusammengewachsen, er hatte ein Down-Syndrom-Gesicht. «Da wusste ich: Etwas stimmt nicht.»

Lino kam mit einer schweren Beeinträchtigung auf die Welt. Giuseppe Palaia spricht offen über Ängste, Überforderung und Krisen. Aber auch über das, was die Familie trägt: Ehrlichkeit, Zusammenhalt und die Fähigkeit, das Leben anzunehmen, wie es ist.

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  • Bild 1 von 3. Bis heute kann Lino weder gehen noch sprechen. Kommunizieren würde er am liebsten mit den Händen, sagt Giuseppe Palaia. «Er ist halt Italiener.». Bildquelle: zVg.

  • Bild 2 von 3. Giuseppe Palaia und seine Frau sind sportbegeistert. Lino ist oft dabei und kann so am Leben teilhaben. Bildquelle: zVg.

  • Bild 3 von 3. Am Halbmarathon schob ihn Giuseppe Palaia im Spezialwagen ins Ziel. Mit im Wagen: ein «Lautsprecherböxli», aus dem Schlagermusik erklang – Linos Lieblingsmusik. Hatte das Duo jemanden überholt, hiess es: «Der Schlager-Express kommt.». Bildquelle: zVg.

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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Giuseppe Palaia wuchs in einem Arbeiterhaus als Sohn süditalienischer Einwanderer in Chur auf. Der Vater war Schreiner, die Mutter arbeitete als Haushälterin. «Auf vier Etagen lebten nur Italiener», erzählt Palaia. Mit ihnen teilte die Familie ein WC und das war im Freien. «Wir machten Katzenwäsche», eine Dusche gab es nicht, beschreibt Giuseppe Palaia seine Kindheit.

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  • Bild 1 von 2. Die Mutter habe alle geprägt und sei ein Vorbild. «Es ist unglaublich, was sie geleistet hat, und sie hat mir so viel mit auf den Weg gegeben», sagt Giuseppe Palaia, das älteste von insgesamt drei Kindern. Bildquelle: zVg.

  • Bild 2 von 2. Wie man kocht, weiss Giuseppe Palaia seit er sechs Jahre alt ist. Seine Mutter hat ihn instruiert. Da sie abends zur Arbeit ging, war es sein Job für die Familie zu kochen. «Ich war sehr stolz», sagt Palaia und er kocht heute noch leidenschaftlich gerne. Passend zur Saison zum Beispiel eine Kürbissuppe. Bildquelle: zVg.

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«Im Kindergarten war ich der ‹Tschingg›». Er konnte kaum Deutsch und wurde ausgeschlossen. Als er seiner Mutter davon erzählte, antwortete diese: «Wir sind hier Gast, wir passen uns an, wir schaffen das.»

Sechs Stunden gegen den Strom

«Walensee durchschwimmen». Dieser Satz stand drei Jahrzehnte lang auf einer Projektliste von Giuseppe Palaia. Diesen Sommer war es so weit.

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  • Bild 1 von 2. Am 5. Juli 2026 morgens um 7 Uhr steigt Giuseppe Palaia bei Weesen in den Walensee. Bildquelle: zVg.

  • Bild 2 von 2. Sechs Stunden ist Giuseppe Palaia unterwegs. Auf die Frage, was er tue, wenn er mal muss, sagt er grinsend: «In den Neoprenanzug pinkeln. Dann wird es warm.». Bildquelle: zVg.

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In sechs Stunden schwamm Giuseppe Palaia von Weesen nach Walenstadt. «Es war die falsche Richtung», sagt er. Palaia schwamm gegen den Strom. Vom ersten Moment an habe er gefroren, nach 40 Minuten waren die Lippen blau. Aufgeben war für ihn jedoch keine Option. «Das Unangenehme mental auszublenden», habe für ihn den Reiz des Projekts ausgemacht, erzählt Palaia. Und er schwamm für Lino und den Therapieverein, den er mitbegründet hat.

Der Therapieverein wurde 2014 in Chur von Christina Roffler und Giuseppe Palaia gegründet.

Als Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung wissen sie aus eigener Erfahrung, wie wichtig unkomplizierte Unterstützung ist.

Der Verein hilft Familien, wenn notwendige Therapie- und Förderangebote nicht von Krankenkassen oder der Invalidenversicherung übernommen werden. Zudem ermöglicht er mit Projekten wie «Mobil im Sommer» und «Mobil im Schnee» mehr Freiheit, Bewegung und gemeinsame Erlebnisse für Kinder mit Handicap und ihre Familien.

Ob im kalten Walensee, im Schulzimmer oder zu Hause mit seiner Familie: Giuseppe Palaia glaubt daran, dass man mit ganz wenig manchmal tatsächlich ganz viel bewirken kann.

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