Milena Moser über Erkältungen: Ich habe die Männergrippe
In unserer Beziehung sind die Rollen, mindestens was den Umgang mit Krankheit betrifft, nicht gemäss der Klischeevorstellung verteilt.
Publiziert: vor 6 Minuten
Darum gehts
KI-generiert, redaktionell geprüft
- Milena Moser reflektiert über Erkältung und ihre Rolle als Caregiver
- Partner Victor trotz gesundheitlicher Probleme fürsorglich und optimistisch
- Erkältung als seltene persönliche Auszeit in belastender Situation
Milena MoserSchriftstellerin
Ich wache im Dunkeln auf, weiss nicht gleich, wo ich bin, ich zittere vor Kälte und trotzdem sind die Leintücher durchgeschwitzt. Meine Nase läuft, mein Kopf tut weh, obwohl er mit Watte ausgestopft scheint.
Ich sterbe, denke ich. Und dann müsste ich lachen, wenn mich nicht stattdessen ein Hustenanfall durchschüttelte. Ich sterbe nicht. Ich bin einfach nur erkältet. Normalerweise werde ich ja nur krank, wenn ich in der Schweiz bin. «Weil du Victor nicht gefährden willst», diagnostizieren meine Freundinnen. «Dein Unterbewusstes will ihn schützen!» Das hat etwas: Victor muss wie alle Transplantierten Medikamente nehmen, die sein Immunsystem künstlich unterdrücken. Eine Erkältung kann ihm durchaus gefährlich werden. Weshalb ich mit meinem Fieber auch hier im Gästezimmer liege, das ich nicht erkenne.
Witze über wehleidige Männer
Ich denke an all die Witze, die über wehleidige Männer kursieren, die an einer Grippe gleich sterben wollen. In Gedanken entschuldige ich mich bei ihnen und bei all denen, die ich selbst so erlebt und über die ich die Augen verdreht habe. Ich verstehe euch! Und ich bin kein Mü besser als ihr!
Wenigstens jammere ich nicht laut. Obwohl Victor nichts mehr geniesst als so einen vorübergehenden Rollentausch. Er sorgt sich auch im Alltag gern um mich, ob ich auf meinen Spaziergängen warm genug angezogen bin, ob ich für eine halbstündige Fahrt über die Brücke mit Taschenlampe, Wasservorrat und vollem Benzintank sicher ausgerüstet bin, ob ich meine Haare trockne, bevor ich das Haus verlasse. Nichts hasst er mehr, als immer der Kranke zu sein. Und so steht er auch während meiner Erkältung immer wieder im Türrahmen, stellt Teetassen und Taschentücher in sicherer Entfernung ab und zeigt grösstes Mitgefühl für meine Feld-, Wald- und Wiesensymptome.
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Wohlgemerkt, das ist der Mann, der zwei- oder dreimal im Jahr am Tod vorbeischrammt, das immer absolut stoisch erträgt und es dann prompt vergisst, sobald es ausgestanden ist. Ich bin überzeugt, das Geheimnis seiner Überlebenskraft liegt darin, dass er fähig ist, Rückschläge nicht nur einzustecken, sondern auch wieder abzuschütteln.
Optimismus ist ansteckend
Und ich liege hier und jammere wegen etwas Fieber! Auch wenn ich mir nur still und im Geheimen leidtue und mich natürlich gleichzeitig deswegen schäme. Wer mit einem gesundheitlich angeschlagenen Menschen zusammenlebt, kann nicht selbst krank werden. Das gehört sich einfach nicht. Das geht nicht.
Dabei wehre ich mich immer gegen die Bezeichnung Caregiver, die meine Freundinnen auf mich anwenden. Ich pflege Victor ja immer nur vorübergehend, er kommt über lange Zeitstrecken prima zurecht und würde es sich ausserdem verbitten, als chronisch krank oder gar pflegebedürftig wahrgenommen zu werden. «Es ist die ständige Wachsamkeit, die dich schlaucht», sagen die Freundinnen. «Du wartest eigentlich immer auf den nächsten Einbruch.»
Doch mein Unbewusstes hat sich offenbar von Victors Optimismus anstecken lassen, denke ich, während ich in der Dunkelheit des Gästezimmers vor mich hinschwitze. Sonst würde es mir doch nicht erlauben, einfach so krank zu werden.
Der Himmel vor dem Fenster wechselt langsam die Farbe, von Schwarz zu Grau. Der Morgen dämmert. Wenn jetzt etwas passiert, denke ich, wenn Victor mich jetzt braucht, dann kann ich gar nicht ... dann funktioniere ich nicht ... Aber nichts passiert. Und dann muss ich wieder eingeschlafen sein, denn als ich das nächste Mal zum Fenster schaue, ist es hell geworden.
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